»Basement Tales Vol. 4« ist erschienen

Von der Wiederauferstehung des Pulp-Magazins habe ich euch schon berichtet; die ersten drei Hefte aus dem Hause "the dandy is dead" von Tom Becker waren Beispiele für ein innovatives und uniques Gesamtkonzept, dass aus phantastischen Geschichten, einer hochwertigen künstlerischen Gestaltung und eines passenden Satzes/Layout besteht. Auch dieses Heft, dass nun also das vierte ist, hat wieder ein übergeordnetes Thema: der schwarze Hai. In den Geschichten tauchen dieser immer wieder - mehr oder weniger prominent  auf. Und zwar sechs mal, denn es sind sechs Kurzgeschichten von Autorinnen und Autoren, die bewusst schriftstllerische Ausflüge in Genre machen, die für sie neu sind. Isa Theobald etwa, die schon im zweiten Heft mit einer verstörenden, beklemmden Borderline-Story dabei war, liefert auch hier wieder eine Geschichte. Ebenso Markus Jungen, Christian Endres, Nic Parker, David Grey und Carsten Steenbergen. Erfahrene Phantastik-Leser mögen den ein oder anderen Namen eventuell schon mal gehört habe - und wenn nicht, lernen sie hier neue Stile von Autoren kennen, auf die sie sonst vielleicht nicht gestoßen wären - wer weiß?


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Den Auftakt macht eine Geschichte zwischen Dystopie und Sci-Fi (wobei sich beides ohnehin nicht ausschließt), die Autor Carsten Steenbergen »ein Floß weiter« genannt hat. Atmosphärisch so dicht wie es viele Romane auf 500 Seiten gerne wären und es doch nicht sind erzeugt die Geschichte sofort Bilder im Kopf. Von einem riesigen Wasserbecken,  großen schemenhaften Schatten, die durch

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Die Wiederentdeckung der Brieffreundschaft: postcrossing.com

Im zarten Jugendalter habe ich über Jahre hinweg Brieffreundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt unterhalten. Die ganze Welt, das war für mich noch vor allem Europa - aber ich weiß bis heute wie sehr ich mich über Post von Simona aus Rom, Ida aus Olso oder Stephan aus Wien gefreut habe. Alle diese Brieffreundinnen und -Freude hatte ich vorher "in echt" kennengelernt und man hat versucht Kontakt zu halten. In den 90er Jahren war das tatsächlich neben dem Telefonieren (das ich noch nie mochte) der einzige Weg und die einzige Möglichkeit, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Facebook, WhatsApp usw. gab es noch nicht, Emails waren auch noch nicht so weit verbreitet und wenn man keine Brieftaube verschicken wollte - blieb eben nur der Brief. Jetzt, in den 10er Jahren unseres Jahrtausends entdecken viele derjenigen, die damals so jung waren wie ich nostalgische Erinnerungen wieder. Schreibmaschinen (noch vor wenigen Jahren achtlos auf den Müll geworfen) werden immer teurer und zu einem echten Lifestyle Produkt zwischen Hipster-Tum und dem nostalgisch-wonniglichen Gefühl, etwas echtes, schweres und irgendwie noch aus der guten alte Zeit stammendes nutzen zu können. Die Generation derjenigen, die in den 70er Jahren geboren wurden erinnert sich wohlmöglich an eine entschleunigte, weniger technologisierte Welt zurück. Und wohlmöglich ist das ein Grund für den Erfolg von Portalen wie Postcrossing.com

Das Prinzip des nicht etwa amerikanischen sondern portugiesischen Unternehmes ist so simpel wie funktional: man meldet sich an und verschickt bis zu fünf Postkarten gleichzeitig. Die Adressen, an die man seine Karten schickt werden von einem Zufallsgenerator ausgewählt, sowohl in lateinischen Buchstaben wie auch in denen anderer Sprachen angezeigt und können mit einem Klick ausgedruckt werden. Meine erste Postkarte ging spannender Weise nach China - auf das Adressfeld der Postkarte habe ich den Ausdruck der für mich fremden Schriftzeichen aufgeklebt. Ein paar Zeilen Text (mit der Schreibmaschine getippt!), eine Briefmarke drauf und ab ging's. Dabei muss man dran denken, den ID-Code, der automatisch erzeugt und angezeigt wurde mit auf die Karte zu schreiben. Denn diesen wiederum braucht der Empfänger um den Empfgang bei Postcrossing.com zu bestätigen und die Postkarte damit zu registrieren. Macht er das nicht, gilt die Postkarte als nicht verschickt. Wie oft Postkarten dabei wirklich verloren gehen, dazu gibt es keine Aussagen von den betreibern. Im Gegenzug bekommt der "Verschicker" die gleiche Anzahl Postkarten zurück, die er oder sie verschickt hat; nicht jedoch von den gleichen Adressaten an die man selbst seine Postkarten verschickt hat. Der Austausch soll möglichst umfassend sein und die Adressen werden jedesmal zufällig generiert. Wie in dem kleinen Bild erkennbar geht es um den Kreislauf des Sendens und Empfangens - es geht um Vorfreude, Freude über Post aus der ganzen Welt und bei Menschen wie mir tatsächlich ein bisschen um ein wieder auflebendes nostalgisches Gefühl. Für Andere mögen es tatsächlich Motive, Briefmarken oder die knappen Zeilen Geschriebenens sein - für Einige ist es bestimmt die Mischung aus allem.

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»Unknown« - Erzählungen unbekannter Herkunft

Frauen können nur gefühlsduselig, Männer schreiben die harten Sachen - von diesen Vorurteilen haben Sonja Rüther und Hanka Leo genug. Deswegen haben sie ein Kickstarter-Projekt gestartet dessen Ziel es ist Geschichten zu veröffentlichen ohne die Namen (und damit das Geschlecht) der Autorinnen und Autoren preis zu geben.

"Wir wollen mit diesem Projekt herausfinden, ob es auch ohne diese Namen geht, die die Texte in ein bestimmtes Licht rücken. Können gute Geschichten ganz für sich stehen? Sind sie spannend, emotional, zugänglich, ohne eine Vorstellung von den Verfassenden zu haben?" so die beiden Initiatorinnen. Und Sonja Rüther wird noch deutlicher in der Beschreibung ihrer Intention:
"Wir wollen beweisen, dass Geschichten ihre eigenen Stimmen haben und es keinen typisch männlichen oder weiblichen Schreibstil gibt. Durch die Auswertung erhoffen wir uns, dass wir mit den Vorurteilen etwas aufräumen können und viel Aufmerksamkeit dafür bekommen. Für mehr Chancengleichheit und Gleichwertigkeit in beide Richtungen."

Wenn das Kickstarter-Projekt erfolgreich ist, sollen sechs Hefte mit Geschichten erscheinen, die auch in einem Buch zusammengefasst erscheinen sollen. Wer die beiden Enthusiastinnen unterstützt, der kann selbst entscheiden, mit welcher Summe er das tun möchte. Für 20,-€ plus Versandkosten bekommt der Unterstützer jedes der sechs Hefte oder aber die gedruckte Sammlung in Buchform. Da ein Buchprojekt immer viel Zeit kostet, muss man sich noch bis September 2020 gedulden um das wahlweise gedruckte oder digitale Werk in den Händen halten zu können. Für 50,-€ kann der Unterstützer sich nicht nur auf die Hefte oder das Buch freuen sondern bekommt noch eine Karte für eine Lesung, in der bekannt gegeben wird, wer die Autorinnen und Autoren der Geschichten sind - denn das Geheimnis um die anonym veröffentlichten Geschichten wird gelüftet werden!

In knapp zwei Monaten nämlich am 17. August 2019 - möchten Sonja und Hanka die Finanzierung geschafft haben. Immerhin 3.000€ sind das Funding-Ziel; gut 700,-€ von 24 Unterstützern haben sie (Stand: 19.06.2019) schon geschafft.

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Urheberrechtsanwalt Jean Paul Bohne im Interview

 

Hinter den Kulissen der oftmals bunten YouTube Welt gärt es nicht selten. Was viele Blogger, Vloger und BookTuber umtreibt ist die Angst davor irgendetwas falsch zu machen und juristisch verfolgt zu werden. Angst vor Abmahnanwälten, hohen Geldforderungen, um die Sperrung des Accounts oder Forderungen anderer Art - der Internet-Dschungel ist nicht nur dank der oftmals zur Schau gestellten Ratlosigkeit und Unkenntnis der politischen Akteure sowie deren Desinteresse und Phantasielosigkeit immer wilder geworden. Er besteht aus Grauzonen, gefährlichen Sümpfen und dem ein oder anderen Raubtier. Für den Laien ist der Durchblick fast unmöglich; selbst viele Experten wissen nicht mehr so ganz genau, was nun eigentlich strafbar, abmahnfähig oder völlig ok ist. Das Resultat sind verunsicherte Blogger, die alles als Werbung kennzeichnen um nichts falsch zu machen und mit jedem Hochhalten eines Buchcovers, einer DVD oder dem Zeigen von Filmausschnitten oder Autorenfotos unterschwellig Angst davor haben verklagt zu werden. Der Düsseldorfer Urheberrechtsanwalt Jean Paul Bohnem versucht in diesem Film etwas Licht ins Dunkel zu bringen:

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»infiltriert« von Vincent Voss - die Apokalypse beginnt im Norden

Es hätte ein schöner Sommertag werden können. Biologielehrer Florian und seine Familie wundern sich zwar, dass es ausgerechnet jetzt regnet, denn der Himmel ist blau, die Sonne strahlt. Aber so kann das im Norden schon mal sein. Wenngleich Geruch und Geschmack des Regens schon auffällig und auch nicht normal sind - ach, es wird schon nichts sein. Es hätte  auch nichts sein können, aber leider hat der Regen Auswirkungen auf die Menschen. Einige werden apathisch und irgendwie ... anders. Auch Flos Frau und eine seiner Töchter verändern sich - ebenso wie Arbeitskollegen, die auf einmal wie ausgewechselt wirken.



Überhaupt beginnt Flo paranoid zu werden, denn große Teile seines  Umfelds scheint sich zu verändern. So langsam aber sicher wird Flo das ganze unheimlich zumal der Wesenswandel seiner Frau und der seiner Tochter nicht etwa besser wird sondern weiter anhält. Ihm wird klar, dass es weder am ihm liegt noch irgendeine Phase ist: der Regen hat irgendetwas mit den Menschen gemacht. Manchmal starren sie einfach in den Fernseher, als würden sie auf eine Botschaft aus dem Äther warten. Schließlich tut Flo sich mit seinem Bruder Tom zusammen - einem der wenigen, die noch so sind wie sie sein sollten. Aber auch Tom kann nicht verhindern, dass sich die meisten anderen Menschen um sie herum weiter verändern und die Welt auf irgendetwas bedrohliches zuschliddert. Schließlich wird Flo klar, dass er mit seiner Familie verschwinden muss, denn es wird zu gefährlich. Doch zu diesem Zeitpunkt ist seine Familie bereits nicht mehr die, die er glaubte zu kennen.

in klassischer Zombie-Horror ist »infiltriert« nicht. Zum Teil erinnert die Handlung eher an Filme wie „Die Körperfresser kommen“ oder „body-snachtchers“ und „Invasion“. Was wirklich hinter den Wesensveränderungen der Menschen steckt, das wird lange im Dunklen gelassen auch wenn Florian erste Hinweise auf Zusammenhänge findet: es werden immer wieder Vermutungen aufgeworfen, auch werden einige Hinweise auf mögliche Ursachen dafür, dass einige Menschen befallen werden und andere nicht, geliefert. Allerdings fokussiert sich Vincent Voss nicht schon von Anfang an auf eine Richtung sondern lässt sowohl Mülltonnen, Bildröhren wie auch Farbenblindheit eine Rolle spielen. Wirklich alles klärt der Autor auch am Ende nicht auf - Leser im Dunklen zu lassen ist ein bewährtes Stilmittel auch wenn es nicht jeder Leser auch mag. Der Autor hat seine eigene Art des Geschichtenerzählens. Und wer schon mal was von Vincent Voss (den man auf der Leipziger Buchmesse 2019 an seinem T-Shirt mit dem Aufdruck „Helene Fischer des Horrors“ erkennen konnte) gelesen hat, der kann sich ausmalen, dass es in diesem  Roman durchaus blutige Szenen gibt, die nichts für Weicheier sind.


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»der Montag fängt am Samstag an« von Arkadi Strugatzki

So kann es gehen, wenn man nicht richtig hinschaut. Der Titel und vor allem das Cover haben mich angesprochen, die Geschichte als solche auch:

 

Klappentext:
"Der junge Programmierer Alexander Pawlowitsch Priwalow ist im Norden Russlands unterwegs, als er mit einer Autopanne in der fiktiven Stadt Solowetz liegenbleibt. Hier ist alles ganz normal: Bürger gehen ihrer Arbeit nach, das Wetter ist gleichmäßig schlecht, und im Institut regiert die Bürokratie. Nur dass das Institut streng geheime Forschungen mit übernatürlichen Phänomenen betreibt …"

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»unter uns die Nacht« von Becky Chambers

- Rezensionsexemplar - Als Becky Chambers' ambitioniertes Werk »der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« mit Hilfe von Crowdfunding herauskam war der Roman ein Beispiel dafür, wie viele gute Sci-Fi Romane Verlagen durch die Lappen gehen. Auch der zweite Roman »zwischen zwei Sternen«, in dem es  zwar auf anderen Schauplätzen und mit anderem Personal aber doch im selben Universum weiterging war ein großartiges Beispiel für positive Sci-Fi, die eine wundervolle, behagliche Stimmung erzeugte ohne dabei kitschig zu sein.

Nun ist Becky Chambers dritter Roman »unter uns die Nacht« erschienen. Auch er spielt wieder im Wayfarer Universum, doch bei diesem Werk ist fast alles anders als bei den vorangegangenen Romanen der 1985 geborenen technischen Redakteurin, die in Kalifornien geboren wurde und dort heute - nach einigen Ausflügen ins alte Europa - auch wieder lebt.

Es ist für mich ziemlich schwierig zu beschreiben, um was es in »unter uns die Nacht« eigentlich geht. Vordergründig ist es ein Reiseroman durch die Sterne. Es geht dabei um Personen, die auf einer Flotte Generationenschiffe unterwegs sind und eine zerstörte Erde vor vielen vielen Jahrzehnten verlassen haben.

Eine klassische Sci-Fi Idee, die aber immer noch das Potential hat, neue Geschichten zu erzählen - oder zumindest bekannte Storys mit eigenen Charakteren und Ideen neu zu interpretieren. So gibt es auf dem Schiff "Asteria" den 16-jährigen Kip, der ein Schiffsgeborener ist und noch nicht so recht weiß, wie es mit ihm weitergehen soll oder die Archivarin Isabell, die versucht das dem Vergessen mehr und mehr anheim fallende Wissen um die menschlichen Ursprünge zu bewahren. Eigentlich schöne Ideen, die mit etwas Sci-Fi wie etwa der Kontakt zu anderen Spezies angereichert durchaus funktionieren könnten und sollten. Aber Becky Chambers hat dies leider verspielt.

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