»infiltriert« von Vincent Voss - die Apokalypse beginnt im Norden

Es hätte ein schöner Sommertag werden können. Biologielehrer Florian und seine Familie wundern sich zwar, dass es ausgerechnet jetzt regnet, denn der Himmel ist blau, die Sonne strahlt. Aber so kann das im Norden schon mal sein. Wenngleich Geruch und Geschmack des Regens schon auffällig und auch nicht normal sind - ach, es wird schon nichts sein. Es hätte  auch nichts sein können, aber leider hat der Regen Auswirkungen auf die Menschen. Einige werden apathisch und irgendwie ... anders. Auch Flos Frau und eine seiner Töchter verändern sich - ebenso wie Arbeitskollegen, die auf einmal wie ausgewechselt wirken.



Überhaupt beginnt Flo paranoid zu werden, denn große Teile seines  Umfelds scheint sich zu verändern. So langsam aber sicher wird Flo das ganze unheimlich zumal der Wesenswandel seiner Frau und der seiner Tochter nicht etwa besser wird sondern weiter anhält. Ihm wird klar, dass es weder am ihm liegt noch irgendeine Phase ist: der Regen hat irgendetwas mit den Menschen gemacht. Manchmal starren sie einfach in den Fernseher, als würden sie auf eine Botschaft aus dem Äther warten. Schließlich tut Flo sich mit seinem Bruder Tom zusammen - einem der wenigen, die noch so sind wie sie sein sollten. Aber auch Tom kann nicht verhindern, dass sich die meisten anderen Menschen um sie herum weiter verändern und die Welt auf irgendetwas bedrohliches zuschliddert. Schließlich wird Flo klar, dass er mit seiner Familie verschwinden muss, denn es wird zu gefährlich. Doch zu diesem Zeitpunkt ist seine Familie bereits nicht mehr die, die er glaubte zu kennen.

in klassischer Zombie-Horror ist »infiltriert« nicht. Zum Teil erinnert die Handlung eher an Filme wie „Die Körperfresser kommen“ oder „body-snachtchers“ und „Invasion“. Was wirklich hinter den Wesensveränderungen der Menschen steckt, das wird lange im Dunklen gelassen auch wenn Florian erste Hinweise auf Zusammenhänge findet: es werden immer wieder Vermutungen aufgeworfen, auch werden einige Hinweise auf mögliche Ursachen dafür, dass einige Menschen befallen werden und andere nicht, geliefert. Allerdings fokussiert sich Vincent Voss nicht schon von Anfang an auf eine Richtung sondern lässt sowohl Mülltonnen, Bildröhren wie auch Farbenblindheit eine Rolle spielen. Wirklich alles klärt der Autor auch am Ende nicht auf - Leser im Dunklen zu lassen ist ein bewährtes Stilmittel auch wenn es nicht jeder Leser auch mag. Der Autor hat seine eigene Art des Geschichtenerzählens. Und wer schon mal was von Vincent Voss (den man auf der Leipziger Buchmesse 2019 an seinem T-Shirt mit dem Aufdruck „Helene Fischer des Horrors“ erkennen konnte) gelesen hat, der kann sich ausmalen, dass es in diesem  Roman durchaus blutige Szenen gibt, die nichts für Weicheier sind.


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»der Montag fängt am Samstag an« von Arkadi Strugatzki

So kann es gehen, wenn man nicht richtig hinschaut. Der Titel und vor allem das Cover haben mich angesprochen, die Geschichte als solche auch:

 

Klappentext:
"Der junge Programmierer Alexander Pawlowitsch Priwalow ist im Norden Russlands unterwegs, als er mit einer Autopanne in der fiktiven Stadt Solowetz liegenbleibt. Hier ist alles ganz normal: Bürger gehen ihrer Arbeit nach, das Wetter ist gleichmäßig schlecht, und im Institut regiert die Bürokratie. Nur dass das Institut streng geheime Forschungen mit übernatürlichen Phänomenen betreibt …"

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»unter uns die Nacht« von Becky Chambers

- Rezensionsexemplar - Als Becky Chambers' ambitioniertes Werk »der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« mit Hilfe von Crowdfunding herauskam war der Roman ein Beispiel dafür, wie viele gute Sci-Fi Romane Verlagen durch die Lappen gehen. Auch der zweite Roman »zwischen zwei Sternen«, in dem es  zwar auf anderen Schauplätzen und mit anderem Personal aber doch im selben Universum weiterging war ein großartiges Beispiel für positive Sci-Fi, die eine wundervolle, behagliche Stimmung erzeugte ohne dabei kitschig zu sein.

Nun ist Becky Chambers dritter Roman »unter uns die Nacht« erschienen. Auch er spielt wieder im Wayfarer Universum, doch bei diesem Werk ist fast alles anders als bei den vorangegangenen Romanen der 1985 geborenen technischen Redakteurin, die in Kalifornien geboren wurde und dort heute - nach einigen Ausflügen ins alte Europa - auch wieder lebt.

Es ist für mich ziemlich schwierig zu beschreiben, um was es in »unter uns die Nacht« eigentlich geht. Vordergründig ist es ein Reiseroman durch die Sterne. Es geht dabei um Personen, die auf einer Flotte Generationenschiffe unterwegs sind und eine zerstörte Erde vor vielen vielen Jahrzehnten verlassen haben.

Eine klassische Sci-Fi Idee, die aber immer noch das Potential hat, neue Geschichten zu erzählen - oder zumindest bekannte Storys mit eigenen Charakteren und Ideen neu zu interpretieren. So gibt es auf dem Schiff "Asteria" den 16-jährigen Kip, der ein Schiffsgeborener ist und noch nicht so recht weiß, wie es mit ihm weitergehen soll oder die Archivarin Isabell, die versucht das dem Vergessen mehr und mehr anheim fallende Wissen um die menschlichen Ursprünge zu bewahren. Eigentlich schöne Ideen, die mit etwas Sci-Fi wie etwa der Kontakt zu anderen Spezies angereichert durchaus funktionieren könnten und sollten. Aber Becky Chambers hat dies leider verspielt.

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»Die Geschichte der schweigenden Frauen« von Bina Shah - feministische Dystopie

Das letzte Buch, das ich mir auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig gekauft habe, ist die Gesellschaftsdystopie »Die Geschichte der schweigenden Frauen«, ein ursprünglich in englisch geschriebener  Roman der pakistanisch-stämmigen Autorin Binah Shah. Der Originaltitel »before she sleeps« würde direkter in die Geschichte einsteigen - und es wäre auch der Titel gewesen, den Bina Shah vorgezogen hätte - denn es geht in erster Linie um Sabine, eine junge Frau, die an Schlafstörungen leidet. Das aber ist lediglich eine Randerscheinung ihres Jobs als käufliche Frau. Sie allerdings eine Prostituierte zu nennen träfe es nicht richtig. Es geht zwar um Intimität nicht aber um Sex, nicht mal um Nacktheit. Was Sabine gemeinsam mit einigen anderen Frauen zahlungskräftigen Kunden bietet ist Nähe, vielleicht auch eine Art von Fallenlassen und Geborgenheit - absolut illegal und gefährlich in der Welt von Bina Shahs Dystopie.

Sabine lebt in der „Panah“, einem Stadtteil der fiktiven Metropole und Hauptstadt Südwestasiens „Green City“, die nach verheerenden Katastrophen neu konzipiert und gebaut wurde. Ein strenges, autokratisches System hat ihre Einwohner zu Produktionsstätten einer Art menschlichen Wiederaufforstung gemacht: Männer haben mehrere Ehefrauen mit denen sie möglichst viele Kinder bekommen sollen. Reichtum und Wohlstand wird nicht mehr an Bildung und  gesellschaftlichen Wert gekoppelt, sondern an die Reproduktionsfähigkeit. Oder einfacher ausgedrückt: je mehr Kinder eine Familie bekommt, desto mehr Unterstützung durch die politische Führung bekommt sie, desto wohlhabender und gesellschaftlich relevanter wird sie. Das Individuum ist dabei zweitrangig, fast irrelevant.

Green City und das politisch-gesellschaftliche System wurde von Männern erdacht, von Männern geleitet und steht bis heute unter der Kontrolle von Männern. Frauen sind Gebärvieh, haben keine Freiheit über sich und ihren Körper selbst zu entscheiden und werden von ihren Vätern regelrecht verkauft. Das führt - und zwar sowohl auf männlicher wie auch auf weiblicher Seite - zu einem gefühllosen Umgang miteinander, der von Ängsten, Druck und Konformitätswillen geprägt ist. Vielen Männern ist dieses System recht oder zumindest haben sie sich damit arrangiert - ebenso wie die Frauen, deren gesellschaftlicher Wert nach der Größe ihres schwangeren Bauches bestimmt wird und nach einer Geburt ebenso schnell auch wieder sinkt. Menschliche Gefühle, Zuneigung, echte Liebe spielen keine Rolle mehr - weder für Frauen noch für Männer. Beide Geschlechter sind gefangen unter der Doktrin der politischen Führungsriege. Bis auf diese leiden die meisten entweder still oder sind zu brutalen Opportunisten geworden.
 Und genau da setzt die Dienstleitung Sabines und ihrer Kolleginnen ein, die sich für dieses Leben als schattenhafte, von der Gesellschaft verborgene Gestalten bewußt entschieden haben.

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»Zwergenbinge« von Norman Liebold - alles andere als nur eine Zwergengeschichte

»Zwergenbinge« ist die Geschichte eines ehemaligen McKinsey Managers, der ins Zwergenreich gerufen wird um dort den Optimierungsbedarf zu prüfen. 

E-Manager Peschke, der sich eigentlich aus dem Haifischbecken der Unternehmensberater zurückgezogen hat und idyllisch im Hunsrück lebt, hat eines Abends Besuch von zwei Zwergen. Diese berichten ihm zwar nicht viel, aber doch soviel: Zwergenbinge, das unterirdische Reich läuft nicht mehr so ganz richtig. Man hat sich geeinigt, Hilfe von außen (in Fall der Zwerge: von oben) zu holen. Nach einiger Bedenkzeit willigt Peschke ein und wird - begleitet von den beiden Zwergen - nach Zwergenbinge gebracht; einer Art Höhlensystem, das aus fünf Höhlen besteht. Es dauert nicht allzugange und Peschke findet heraus, dass dieses System analog zu den Menschenstädten angelegt ist: es gibt Wohnbereiche, Industrie- und Verwaltungsbereiche. Geführt wird das ganze von einem Rat, der aus verschiedenen Zwergen besteht, die wiederum unterschiedlichen Kasten bzw. Gesellschaftsgruppierungen entstammen. Und Peschke wird nach einer Weile auch klar, in was er da wirklich reingeraten ist. Denn der strahlenden Optimierer, der mit Segnung des Zwergvolkes hübsch in einem kleinen Häuschen am See wohnt gerät er schnell in ganz andere Gefilde und das Zwergenreich verliert an Glanz…

 

Vorneweg: Norman Liebold verankert die wenigen Szenen der Obenwelt (der Welt der Menschen also) dort, wo er selbst lebt: in dem Dörfchen Abentheuer im Hunsrück. Zwergenbinge, die Stadt unter der einstigen (und bis heute zu besichtigen) Eisenhütte der Menschen, könnte wohl überall sein. Der unbedarfte Leser ahnt erstmal nichts böses; er stellt sich auf eine atmosphärisch passende, stimmungsvolle Fantasygeschichte mit Zwergen ein - und anfangs kommt er damit auf seine Kosten. Bis ihm nach und nach schwant, dass der Autor etwas ganz anderes vorhatte. Und irgendwann macht auch der Satz aus dem Klappentext Sinn, der da lautet:

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»Dunkle Ziffern«

Diana Kinne
Diana Kinne

Ohne große Erwartungen aber mit Spannung habe ich gemeinsam mit Anja von Aennysbooks die Lesung zur Anthologie „Dunkle Ziffern“ (Edition Roter Drache) im Rahmen von „Leipzig liest“ besucht. Ich wusste nur, dass der Erlös des Buches dem Verein Dunkelziffer e.V. - der Jungen und Mädchen hilft, die sexuelle Gewalt erfahren haben, so die Website - zu Gute kommen würde. Das dieser Abend die emotionalste Lesung bieten würde, die ich jemals besucht habe, wusste ich da noch nicht. 
Eigentlich bin ich kein großer Fan solcher Charityveranstaltungen, da sie mir oftmals zu plakativ und zu schrill in ihrer Empörung sind. Aus diesem Grund verlinke ich hier Dunkelziffer e.V. auch nicht - wer sich dafür interessiert, wird den Verein auf jeder Suchmaschine sofort finden.

Aber zurück zu Anjas und meiner ersten Lesung dieser Buchmesse: da ich von den Herausgeberinnen Isa Theobald und Fabienne Siegmund tolle Geschichten gelesen habe und auch Diana Kinne ein bekannter Name in der Phantastiklandschaft ist, war ich neugierig. Besonders aber deswegen, weil Fabienne Siegmund auf der Messe schon zu uns gesagt hatte, dass die Geschichten keine wären, die den Leser nur mit schlechtem Gefühl zurücklassen würde. 

Als wir am frühen Abend das „Vorkaria“ in der Leipziger Gottschedstraße betraten, merkten wir relativ schnell, dass dies eine Lesung der besonderen Art werden würde. Die Stimmung setzte sich aus einer Mischung von Freude, Nervosität und etwas anderem zusammen, dass schwer zu beschreiben ist. Es hatte etwas von positiver Traurigkeit auch wenn das kaum eine treffende Beschreibung sein kann. Relativ schnell war klar, dass die Besucher fast alle Autoren der Anthologie und ein enger Kreis von Menschen, die sich damit verbunden fühlten waren - die meisten in schwarz gekleidet (nur Tom Daut wies darauf hin, dass er ein T-Shirt trug, dass entfernt die Farbe überreifer Himbeeren hatte).

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»German Kaiju« Kurzgeschichten mit Godzilla und Co.

"Kaijū ( janapisch: 怪獣, wörtlich: „seltsame Bestie, rätselhafte Bestie“) ist ein japanischer Begriff, der sich auf fremdartige Kreaturen bezieht, besonders Riesenmonster, wie sie in japanischen Fantasiefilmen, -serien (Tokusatsu) und Anime dargestellt werden."

Soweit informiert Wikipedia all diejenigen, die bis jetzt nicht wussten, was Kaiju bedeutet. In Deutschland ist die Popularität nicht so hoch wie im asiatischen Raum, aber auch hierzulande gibt es Fans des Kults um Riesenbestien. Einer von ihnen ist Markus Heitkamp, der als Herausgeber neun Autoren versammelt hat, die alle zum gleichen Thema schreiben: Giganto-Bestien. Nur sind die Schauplätze diesmal nicht in Asien sondern in Hessen, Norddeutschland oder Berlin. „Germain Kaiju“ ist also durchaus wörtlich zu nehmen, denn alle Geschichten rund um Riesenmonster, die aus irgendeiner Tiefe kommen, spielen in Deutschland; auf einer Karte im Innenteil des Umschlags findet man die Spielort, aber dazu später mehr.

 Der Leser, der wenig Übung mit Riesenmonstern in Büchern hat, mag irgendwo zwischen Faszination, Abgestoßenheit, Verwirrung und dem Gefühl, im Keller die Konservendosen aufzustocken liegen.

Da wird z.B. Frankfurt von einer Riesenbestie angegriffen, aus der Erde unter dem Flughafen Schönefeld bricht etwas heraus oder die Besatzung eines Container-Schiffes wird von etwas unheimlichen aus der Tiefe angegriffen.

So unterschiedlich wie die Geschichten sind auch die Autoren, ihr Stil und ihre Herangehensweise. Eine gute Anthologie lebt von dieser Diversität und auch bei „German Kaiju“ gibt es diese Unterschiede - leider auch in der Qualität der Geschichten. Ausgerechnet die erste, in der Frankfurt kurz davor steht platt gemacht zu werden ist eine von denen, die etwas klischeebeladen und erwartbar daher kommt. Andere aber wie etwa Wolfgang Schröders „Chaodoru - das Grauen aus der Tiefe“ können mehr bieten. In kleine Kapitel unterteilt, die in den Subheadlines die Zeit runterzuholen (Es beginnt bei T - 10 Tage ) wartet der Leser darauf, wie der Instandhaltungschef des Flughafens Schönefeld auf das Grauen trifft. Auch das offene Ende trägt dazu bei, dass man sich hier wirklich ein bisschen wie bei den Monster-Filmen fühlt, die sich mit einem Cliffhanger am Ende eine Fortsetzung offen lassen. 



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