"der Kult" Marlon James

"Im Dorf Gibbeah beginnt der Sonntag mit einem bösen Omen: Während der Morgenmesse fliegt ein Geier durch das geschlossene Kirchenfenster und schlägt tot auf der Kanzel auf. Nur wenige Minuten später wirft ein schwarz gekleideter Fremder den Dorfprediger zu Boden und übernimmt die Kontrolle über die Gemeinde. Als selbst ernannter Apostel York predigt er Rache und Verdammnis. Doch der alte Prediger weigert sich, seinen Platz widerstandslos abzugeben. Ein gnadenloser Glaubenskampf beginnt. Das Dorf scheint dem Untergang geweiht."
Soweit der Klappentext dieses Buches. Äußerlich ist es überraschend schön gestaltet, innerlich herrscht Dunkelheit. Gleich auf den ersten Seiten wird mit Klischees - bewusst - nur um sich geworfen. Es wird das Bild einer scheinheiligen amerikanischen Kirchengemeinde gezeichnet, in Bildern von überambitionierte Speichellecker wie "die sechs Appostel" (eine Gruppe aus Kirchenmitgliedern, die so eine Art Taskforce für alles unchristliche in der Kirche bilden) oder dem ständig betrunkenen Pfarrer, der der beste Gast im Dorf-Pub ist oder der braven Kirchgängerin von nebenan, die eigentlich nur in die Kirche geht, weil man das so macht.

Im weiteren Verlauf der Geschichte wird dem versoffenen Pfaffen ein Antagonist gegenüber gestellt - frei nach Mighty Sam McClains "there's a new man in town" kommt der neue Heilsbringer - oder ist er die Verkörperung des Teufels?

All das beschreibt Marlon James auf eine sehr unklare und oftmals auf Klischees zurückgreifende Art, die mit der Zeit sehr anstregend wird. Wahrscheinlich ist das Absicht, denn so dermaßen degeneriert wie der alte Pfarrer daher kommt, so abgehalftert und runtergekommen - so tief kann kaum ein Mensch sinken.

Von Anfang an schleppt sich die Handlung dahin. Und nur weil "Heyne Hardcore" drauf steht, muss nicht unbedingt hardcore drin sein. Das Buch ist kein Pageturner, kein actiongeladenes Feuerwerk. Es ist die pure Religionskritik, wie sie vielleicht für amerikanische Verhältnisse ein Novum ist, für europäische Atheisten (und vielleicht auch Gläubige) beeinhaltet er nicht viel neues. Man kann sich vorstellen welcher Kampf mit welchen Mitteln ausgefochten wird und welche die Aufgaben der Schachfiguren am Rande sind. Aus meiner Sicht gibt es kaum echte Taboubrüche - höchstens solche, die der brave, moralgefestigte Leser ohne Erfahrung mit dem Festa Verlag vielleicht als solche betrachten würde.

Religionskritik ist in den USA ein heißes Pflaster, da es hier - und das drückt der Roman wenn auch überspitzt gut aus - zum moralisch guten Ton gehört, Gläubig zu sein oder dies eben vorzugeben. Da ist man in vielen Teilen Mitteleuropas schon weiter: hier ist Religion Privatsache geworden und dient nicht als unaufrichtige Meßlatte für einen braven Bürger. Aber Marlon James ist Jamaikaner, das moralinsaure fassadenhafte Ausleben von Religion wie in den USA ist hier nicht so verbreitet.
Dabei kommt Marlon James noch dazu aus einem gutbürgerlichen Haushalt, wahrscheinlich deutlich über dem Durchschnitt anderer schwarzer Familien in und bei Kingston; beide Eltern waren Polizisten, der Vater wurde später Jurist. Es spricht also vieles dafür, dass James aus einem aufgeklärteren Elternhaus kommt und ihm kritisches Hinterfragen von Kindesbeinen an beigebracht wurde.

VIelleicht ist das auch der Grund, dass sich so einige bei ihren Kritiken förmlich überschlagen. Für mich ist das Buch zu schwerfällig und zu langatmig, die Story zu erwartbar und die Charaktere zu überzeichnet. Ich erkenne aber durchaus an, dass James genau weiß was er tut und wohl auch wie er es tut.

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