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Interview mit Walter Moers

Es gibt Interviewpartner, auf die freut man sich, solche, vor denen man etwas Angst hat, und solche, bei denen man sich bewusst ist, dass man das wohl noch sehr lange erinnert wird. Ein Interview mit Walter Moers ist all das - aber vor allem etwas seltenes und für mich besonderes.

Getroffen habe ich Walter Moers nicht. Aber der Kontakt via Mail war sehr eng, für mich sehr befruchtend und einfach schön. Nachdem ich einige Fragen gestellt hatte, die Antworten kamen und wir beschlossen haben, einen Interviewfilm ohne die physische Präsenz des Interviewpartners zu machen, habe ich Grafiken von Elvira Moers bekommen. Insgesammt 40 Stunden habe ich geschnitten und immer mal wieder nachgefragt, ob die eine oder andere Idee so in Ordnung geht. Das Resultat seht ihr auf YouTube; die Antworten Walter Moers' wurden vom WDR Sprecher Sebastian Tittelbach eingelesen.
Und das hier ist die originäre schriftliche Version des Email-Interviews:

 

 


creepy creatures reviews: Zwischen dem kleinen Arschloch, Adolf, die Nazi-Sau und Hildegunst von Mythenmetz liegen Welten, die andere Autoren niemals durchqueren würden. Haben Sie sich in der Zeit verändert? Würden Sie das Kleine Arschloch heute noch so erfinden oder ist das etwas, was Sie heute nicht mehr so machen würden?

 


Walter Moers: Wenn ich mir heute meine Comics von damals ansehe – was selten vorkommt –, dann habe ich manchmal das unheimliche Gefühl, dass die von einer anderen Person stammen. Ich könnte heutzutage etwas in dieser Art nicht mehr machen. Trotzdem möchte ich mich nicht davon distanzieren. Von meinen Comics – und auch meinen Storyboards und Drehbüchern für Fernsehen und Film – profitiert auch meine heutige Arbeit noch. Ihr Erfolg hat mir die Möglichkeit gegeben, eine zweite künstlerische Existenz als Romancier aufzubauen. Das eine wäre ohne das andere nicht denkbar.

 

 
creepy creatures reviews: Gibt es Figuren aus Ihren Werken, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegen, oder haben Sie alle Ihre Kreaturen gleich lieb? Variiert das?

 


Walter Moers: Es ist wohl nicht zu leugnen, dass Hildegunst von Mythenmetz meine Lieblingsfigur und mein Alter Ego geworden ist. Ansonsten habe ich eine sentimentale Vorliebe für den Blaubär, auch wenn ich nicht mehr mit der Figur arbeite. Er hat die ganze Zamonienwelt erst ermöglicht.
 

 


creepy creatures reviews: Wann oder wie entscheiden Sie für sich, dass Sie nun eine andere Welt erschaffen und literarisch „weiterziehen“?

 


Walter Moers: Nach zwei Dutzend oder mehr Comic-Alben hat mich die Arbeit daran zunehmend gelangweilt. Die Vorstellung, mich mein weiteres Leben lang zeichnerisch und schriftlich nur noch durch Knollenasen und Sprechblasen auszudrücken, fand ich deprimierend. Mir hat bei den Comics die Ideenarbeit und das Texten immer mehr Spaß bereitet als das Zeichnen. Daher wollte ich den Schwerpunkt mehr auf’s Schreiben legen und habe es mit einem Roman versucht. Das Zeichnen wollte ich aber auch nicht bleiben lassen. Deswegen habe ich diesen Roman zusätzlich illustriert. So ist das erste Zamonienbuch „Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär“ entstanden. Bis zum heutigen Tag gehört das Schreiben und Zeichnen für mich untrennbar zusammen. Ein Buch von mir ohne Illustrationen kann ich mir gar nicht vorstellen, auch wenn wie bei „Wilde Reise durch die Nacht“ oder wie beim letzten Roman PRINZESSIN INSOMNIA & DER ALPTRAUMFARBENE NACHTMAHR die Illustrationen nicht von mir selbst stammen, sondern von Gustave Doré beziehungsweise Lydia Rode. Oder wenn die Gemälde unserer Graphic Novel von DIE STADT DER TRÄUMENDEN BÜCHER von Florian Biege angefertigt wurden. Bilder müssen immer dabei sein.
 

 


creepy creatures reviews: Ihre Wandlungsfähigkeit und ihre medialen Betätigungen sind sehr vielseitig. Comic-Verfilmungen vom kleinen Arschloch, eine Serie mit Plüschfiguren für die Sendung mit der Maus - sind Sie rastlos, noch auf der Suche oder einfach immer neugierig auf Neues?



Walter Moers: Ich bin schnell gelangweilt, wenn sich kreative Prozesse wiederholen und mechanisch oder stereotyp werden. Das gilt für meine eigene Arbeit genauso wie für die anderer.
Ich experimentiere gern und möchte alle Ausdrucksformen und Medien ausprobieren, für die sich meine Ideen eignen. Deswegen arbeite ich auch gerne mit anderen Leuten zusammen, die über künstlerische oder handwerkliche Fähigkeiten verfügen, die ich nicht beherrsche. Ich besitze einen gewissen Ruf als Eigenbrötler, aber ich arbeite andauernd mit anderen Leuten zusammen und halte mich für einen ziemlich guten Teamplayer.

 



creepy creatures reviews: Ihre Zamonien-Romane sind außergewöhnlich liebevoll auch in der Gestaltung der Bücher selbst. Es gibt Farbschnitte, viele farbige Illustrationen - wie wichtig ist Ihnen das und wie weit nehmen Sie darauf Einfluss?

 


Walter Moers: Auf die Gestaltung und äußere Erscheinung der Zamonien-Romane haben wir schon immer viel Wert gelegt, und das hat sich weiterentwickelt. Es ist weniger ein von langer Hand geplantes Konzept als ein organischer Prozess, der immer noch im Gang ist. Auch hier möchte ich noch mal den Aspekt der Teamarbeit betonen. Ich arbeite vom ersten Zamonien-Roman an mit denselben Leuten zusammen. Meine Frau Elvira ist immer meine erste Leserin und Lektorin. Oliver Schmitt kümmert sich um die Typographie und die Buchgestaltung. Wolfgang Ferchl und Rainer Wieland machen das professionelle Lektorat. Und bei neuen Büchern kommen auch wieder neue Leute dazu. Für die Graphic Novel wurde das Lettering von Michael Hau von Hand gefertigt und eine eigene Mythenmetz-Schrift entwickelt. Solche Dinge sind uns sehr wichtig, und das macht auch viel vom Spaß an der Arbeit aus. Das geht hin bis zur Haptik des Umschlagpapiers, die eine Art Markenzeichen geworden ist. Ich glaube fest daran, dass sich dieses Vergnügen an den Details auch auf den Leser überträgt.

 

 
creepy creatures reviews: Sie schaffen es in Ihren Zamonien Romanen eine ganz eigene Art der Fantasy zu schaffen. Während viele andere Autoren sich an bekannten und erfolgsversprechenden (manche sagen ausgetretenen) Wegen orientieren, ist Zamonien mit nichts anderem vergleichbar. Haben Sie sich den Kontinent und seine Wesen erarbeiten müssen oder gab es eine Initialzündung? Wie sind Sie auf Mythenmetz, den alptraumfarbenen Nachtmahr oder Rumo gekommen?

 


Walter Moers: Zu der Zeit, als ich mit den Zamonien-Romanen angefangen habe, waren Elvira und ich viel und oft in Amerika unterwegs. Die Reisen und Aufenthalte dort, die sich seither fortgesetzt haben, haben meine Romane stark geprägt und mit Ideen versorgt. Die Initialzündung zu RUMO war zum Beispiel ein Aufenthalt in den Mammoth Caves, einem der größten unterirdischen Höhlensysteme der Welt in Kentucky. Die meisten Ideen zu ENSEL & KRETE stammen - ob man es glaubt oder nicht, von langen Aufenthalten in DISNEYWORLD in Florida. PRINZESSIN INSOMNIA habe ich zum Teil auf einer Reise nach New York geschrieben. Die Flugszenen darin wurden von einem Horrorrückflug von New York nach Hamburg inspiriert. Meine Bücher haben immer viel mit dem Reisen zu tun. Aber das kann auch eine Reise durch das eigene Gehirn sein. Oder durch die Blutbahn.
 

 


creepy creatures reviews: Der aktuelle Roman „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ wirkt weniger humorvoll, dafür ernster und ich habe mir eingebildet melancholischer. Die Geschichte dahinter beschreiben Sie in Ihrem Nachwort. Hat das Buch und haben der Weg dahin für Sie einen besonderen Stellenwert?

Walter Moers: Bei INSOMNIA war die wichtigste Inspiration nicht Amerika, sondern die Zusammenarbeit mit Lydia Rode, die das Buch auch illustriert hat. Lydia leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an der bisher unheilbaren Krankheit CFS, dem Chronischen Fatigue Syndrom*. Diese Krankheit und Lydias Schicksal spielte bei der Ideenfindung eine Rolle, daher schlägt das Buch stellenweise auch einen melancholischen und ernsten Ton an. Wir wollten aber kein bedrückendes Buch über eine körperliche Krankheit machen, sondern einen unterhaltsamen und hoffnungsfrohen Roman über geistige Gesundheit und die Kraft der Kreativität.
Lydia ist eine optimistische und humorvolle Person, und ich besitze glücklicherweise auch keine Neigung zu Depressionen. Daher behaupte ich, dass der Humor in diesem Buch nicht zu kurz gekommen ist. Auch wenn das Thema grundsätzlich einen gewissen Ernst voraussetzt.
Im Gegensatz zu den anderen Zamonienbüchern ist INSOMNIA ohne längere Vorarbeit entstanden. Gewöhnlich sammele ich für meine Romane jahrelang Material und mache Skizzen und Illustrationen und Notizen. Diesmal nicht. PRINZESSIN INSOMNIA ist in erheblich kürzerer Zeit aus einem Ideen-Ping-Pong zwischen Lydia und mir entstanden, komplett mit Illustrationen. Ich habe geschrieben und sie hat die Bilder dazu farbig aquarelliert. Derart spontan und kollaborativ ist noch nie ein Zamonienbuch entstanden. Insofern hat es für mich tatsächlich einen besonderen Stellenwert.

 

 


creepy creatures reviews: Sie schreiben, dass der Roman ursprünglich als Kurzgeschichte gedacht war - wie ist sie zu einem Roman geworden?

Walter Moers: Auf der Suche nach einem Thema für ein gemeinsames Projekt hatten Lydia Rode und ich uns zunächst auf eine Anthologie von klassischen Horrorgeschichten geeinigt, die wir gemeinsam illustrieren wollten. Irgendwann schlug Lydia vor, dass ich selber eine zamonische Gruselgeschichte dafür beisteuern sollte. Zufällig lag zu der Zeit eine Reproduktion des Gemäldes DER NACHTMAHR von Johann Heinrich Füssli auf meinem Schreibtisch. Lydia erzählte mir gelegentlich von ihren extremen Phasen der Schlaflosigkeit, die zu den Symptomen ihrer Krankheit gehören. Das waren die Zündfunken. Aus der Kurzgeschichte wurde sehr schnell eine Langgeschichte und schließlich ein Roman. Und unsere Horror-Anthologie kreist seither in der Warteschleife.

 

 


creepy creatures reviews: „Die Stadt der träumenden Bücher“ konnte man wie eine Hommage an Bücher lesen, „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachmahr“ als von Faszination für Sprache inspiriert. Was bedeuten Ihnen Bücher (auch die anderer Autoren) und wie wichtig ist es Ihnen, sich durch Sprache (und nicht „nur“ durch Illustrationen) auszudrücken?

Walter Moers: Außer Reisen ist das Lesen natürlich eine dauerhafte Inspirationsquelle. Beim Schreiben und Zeichnen bin ich umgeben von einer Bibliothek, die alle Wände meines Arbeitszimmers bedeckt. Für einen Schriftsteller ist das nichts Außergewöhnliches, aber in meinem Fall handelt es sich dabei fast ausschließlich um illustrierte Bücher. Bebilderte Lexika, wissenschaftliche Werke mit Abbildungen, Kunstbücher, Comics, Kinder- und Filmbücher und so weiter. Sprache und Illustration haben für mich den gleichen Stellenwert, was meine künstlerischen Ausdrucksmittel angeht. Aber wenn ich mich tatsächlich einmal für eines der beiden endgültig entscheiden müsste, dann würde ich die Sprache wählen.

 

 
creepy creatures reviews: Auch wenn Sie diese Frage vielleicht nicht mehr hören können, aber: wird es „das Schloss der träumenden Bücher“ noch geben? Schreiben Sie daran weiter oder muss es noch ruhen?

Walter Moers: Doch, die Frage höre ich sogar gerne, wenn ich mit einer Antwort darauf der Mythenbildung um dieses Thema entgegenwirken kann.
Ja, ich arbeite daran, es ist mittlerweile mein umfangreichstes unveröffentlichtes Manuskript geworden, zusammen mit über 100 bereits fertigen Illustrationen. Und ich werde es auch veröffentlichen, wenn es vollendet ist. Es darf nur keine größere globale Katastrophe dazwischenkommen.
Bei der langen Dauer spielt auch kein writers block oder eine Ideenflaute eine Rolle, denn so was habe ich noch nie gehabt. Ich nehme mir lediglich dafür wie immer die Zeit, die ich brauche. Und die ist in diesem Fall eben etwas länger. Ich wünsche mir selber, dass es schneller geht, aber man kann es nicht zwingen. Viel komplizierter oder mysteriöser ist es nicht.

 

 


creepy creatures reviews: Es wird demnächst eine Comic-Version von „die Stadt der träumenden Bücher“ geben, der erste Teil erscheint im November. War die Intention zum Comic eine bessere Visualisierung des Romans oder war es einfach reizvoll, mal Illustrationen im Vordergrund stehen zu haben?

Walter Moers: Als lebenslänglicher Comicleser fand ich die Comicadaptionen von Romanen und großen Fantasystoffen eigentlich immer enttäuschend. Selbst wenn ein großes Franchise dahinter steckt - wie etwa bei Game of Thrones - wirken die Comicadaptionen auf mich meist billig und lieblos. Auf die Gefahr hin, jetzt größenwahnsinnig zu klingen: Das wollten Florian Biege und ich einmal völlig anders machen. Wir haben uns den Luxus genommen, an der Graphic Novel von den Träumenden Büchern so lange zu arbeiten, wie es eben braucht. Daraus sind ein paar Jahre geworden, aber das haben wir von vorne herein einkalkuliert. Ich wage mal zu behaupten, dass weder in Deutschland noch international die Comicadaption eines Romans auf derart aufwendige Weise geschaffen worden ist. Wir waren bei der Arbeit selber immer wieder erstaunt, wieviel der Roman der Phantasie des Lesers überlässt und wie viele Gestaltungsfragen wir lösen mussten. Wie ist eigentlich die Lederne Grotte eingerichtet? Wie sieht Schloss Schattenhall aus? Welche Farbe haben Mythenmetz´ Gamaschen? Aber wir haben jede einzelne Frage beantwortet.

 

 


creepy creatures reviews: Loriot hat einmal in einem Interview über sein knollennasiges Männlein gesagt „ich bin sehr gut zu ihm, damit es mich nicht verlässt“. Können Sie sich vorstellen von Mythenmetz verlassen zu werden?

Walter Moers: Nein.

 

 


creepy creatures reviews: eine Frage von einem Blog-Follower: wann haben Sie das erste Mal Zamonien besucht, und was haben Sie von dort mitgebracht?

Walter Moers: Wie bereits erwähnt, ist Amerika für mich Zamonien. Und von dort habe ich ziemlich viel mitgebracht – zum Beispiel Zamonien.

 

 


creepy creatures reviews: Im Gegensatz zu Hildegunst von Mythenmetz suchen Sie nicht gerade die Öffentlichkeit. Reizt es Sie nicht manchmal, unerkannt über eine Buchmesse zu schlendern oder eine Lesung eines Ihrer Bücher zu besuchen?

Walter Moers: Ich war genau zwei Mal auf der Frankfurter Buchmesse, vor vielen Jahren. Und fand eigentlich alles, was ich da gesehen habe, ziemlich verstörend. Vor allen Dingen all die konkurrierenden Bücher! Damals habe ich mir geschworen, da nie wieder hin zu gehen. Und mich bis heute daran gehalten.
Das glaubt mir wohl niemand, aber zu Beginn meiner Laufbahn als Autor und Zeichner bin ich durchaus öffentlich aufgetreten. Ich habe mich fotografieren und live interviewen lassen, habe Signierstunden absolviert und war sog
ar im Fernsehen. Aber das war niemals Vergnügen, sondern immer nur Quälerei. Und vor allem hat es enorm viel Kraft und Zeit gekostet, die ich lieber ins Schreiben und Zeichnen investiert habe. Außerdem finde ich es ausgesprochen angenehm, ein ganz normales Privatleben zu führen, auf der Straße oder in Buchhandlungen unerkannt zu bleiben und so weiter. Ich kann an Prominenz nichts Erstrebenswertes finden. Dabei verweigere ich mich ja auch nicht der Kommunikation, wie dieses Interview zeigt. Ich lasse mich nur nicht filmen oder fotografieren und ich spreche nicht in laufende Aufnahmegeräte - das ist alles. Es gibt ja genügend Leute, die das gerne tun.
 

 


creepy creatures reviews: welche Frage würden Sie total gerne mal gestellt bekommen, aber keiner hat Sie Ihnen je gestellt? Und was wäre die Antwort darauf?
 
Walter Moers: Da fällt mir nicht nur eine Frage ein, sondern ein weiteres Dutzend. Und die Antworten dazu. Aber das sparen wir uns für ein anderes Mal auf.

 

 

 

 

 

Vielen Dank, Walter Moers!

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