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Kinokritik "Blade Runner"

Die Vorlage zu diesem Film ist der als Klassiker geltende Roman "do androids dream of electric sheep?" (oder zu deutsch: "Blade Runner") von Philip K. Dick. Es gibt bereits eine Verfilmung des Stoffs aus dem Jahr 1982. Harrison Ford spielte den Blade Runner, den Polizisten Rick Deckard im postapokalyptischen Los Angeles, der eine Gruppe von Replikanten, also künstlichen Menschen ausschalten soll. Diese Replikanten - eigentlich auf den Marskolonien eingesetzt - dürfen als nicht-biologische Lebensformen die Erde nicht betreten. Äußerlich sind die modernen elektrischen Lebensformen nicht mehr von Menschen zu unterscheiden. Nur mit Hilfe eines Tests, der auf die emotionalen Reaktionen abzielt können Androiden überführt werden. Im Buch wie im FIlm ist nicht jedem Androiden bewusst, dass er kein Mensch ist, denn sowohl implantierte Erinnerungen wie auch grundlegende (auch imitierte) menschliche Reaktionen gehören zu den Fähigkeiten der Maschinenmenschen.

 

 

"Blade Runner"

 

Der Film von 1982 entstand unter der Regie von Ridley Scott ("Alien", "Gladiator"), der damit dem Sci-Fi Film bereits vor Jahrzehnten ein Denkmal setzte. Neben Ford waren auch der dänische Schauspieler Rutger Hauer ("needfull things", "Salem's lot", "sin city") und der später in der Sci-Fi Serie "Battlestar Galactica" zum festen Cast gehörende Edward James Olmos dabei.

Interessant ist, dass sowohl Harrison Ford wie auch Edward James Olmos in der neuen Verfilmung von 2017 mitspielen. Letzterer in einer kleinen, fast cameo ähnlichen Nebenrolle und der andere als Verkörperung des gealterten Rick Deckard.

 

 



"Blade Runner 2049"


Und hier setzt die Kritik des neuen Films an: der Roman von Philip K. Dick, der namensgebend für "Blade Runner 2049" war, spielt nur noch als Weltengerüst eine Rolle. Das dunkle L.A., die Welt der Androiden und die auf Androiden Jagds machende Einheit der LAPD (Los Angeles Police Department) existieren in ähnlicher Form wie in Dicks Roman entworfen. Aber damit sind auch schon fast alle Parallelen erwähnt. Der Film ist keine Verfilmung des Buches "do androids dream of electric sheep". Er spielt Jahrzehnte nach dem Buch (und der ersten Verfilmung aus dem Jahr 1982), die Einheit jagd immer noch Androiden auf der Erde. Der Agent "K" - gespielt von Ryan Gosling - ist selbst Replikant und sich dessen auch bewusst. Bereits zu Anfang des Filmes bringt er einen friedlichen Farmer zur Strecke, der ein vom Mars geflohener Androide ist. In dessen "Garten" (Grünpflanzen existieren nicht mehr in der Natur) entdeckt er eine vergrabene Kiste. In ihr sind Knochen eines weiblichen Androiden. Es stellt sich raus, dass die künstliche Frau schwanger war - ein Umstand, der nie eintreten dürfte, denn dazu sind Androiden nicht gebaut worden. Die Suche nach dem Kind beginnt. Bereits zu Anfang gibt es einige actiongeladene Sequenzen, etwa wenn der Farmer liquidiert wird. Viel Zeit wird allerdings auch auf die Beziehung von K zu Joi (gespielt von Ana de Armas), seiner holografischen - tja: Geliebten? Gefährtin? - gelegt. Eine fast unschuldige, teils kindlich-holprig wirkende Beziehung, denn sie kann nicht körperlicher Natur sein. Für K ist Emotionalität schwer zu erleben und ebenso schwer zu äußern. Tatsächlich ist es Joi, die versucht so viel menschliche oder menschlich wirkende Nähe in die Beziehung zu bringen.
Immer wieder zieht sich dieser Erzählstrang durch den Film.

Und dann gibt es da noch die Wallace Cooperation, die den nachlass der Tyrell Cp. aufgekauft hat und damit eine Art Nachfahre dieser Firma ist, die Philip K. Dick bereits in seinem Roman als Erfinder und Erbauer der fast perfekten Androiden erfand.

In einer Nebenrolle tritt Jared Leto als Niander Wallace auf, ein Mensch, der näher an den Androiden dran ist als an seiner eigentlichen biologischen Rasse: er hat Aufenimplantate und ein blaues Licht leuchtet, wenn der Chip-slot hinter seinem Ohr belegt ist. Seine Rechte Hand ist "Luv" Sylvia Hoeks), ein weiblicher Replikant, der ebenfalls dem Rätsel des Replikanten-Skeletts und des verschwundenen Kindes auf die Spur kommen will und sich zu Ks Antagonisten enwickelt. Die Niederländerin Hoeks verkörpert den Replikanten so, wie es Dick wohl gefallen hätte: leerer Gesichtsausdruck, aufgesetzte Freundlichkeit und ein versteckter Sadismus machen aus dem eigentlich bieder aussehendem Replikanten ein fast furcheinflösendes Wesen.
Die verkümmerte Emotionalität hat sie mit K gemein, doch archaische Formen der Emotionen wie Hass, Wut, und irgendeiner replikanten-eigenen Form von Liebe oder Zuneigung sind beide eigen.

 




Die Schauspieler

 

 

 

Ridley Scott hat einen Mix aus etablierten  und fast unbekannten Schauspielern gefunden, der gut funktioniert. Er hat teils nüchtern, teils energiegeladen inszeniert und mit den schönen Bildern, den langsamen Bewegungen und der passenden Farbgebung ein stimmiges Konzept vorgelegt, in das sich die Schauspieler einfügen.

Harrison Ford (dem nicht wenige nachsagen, dem Action-Darsteller ein leicht intellektuelles Image zu verpassen) spielt gewohnt und seinen Möglichkeiten entsprechend: bärbeißig, mürrisch, nicht unbedingt mehrdimensional. Für mich persönlich war es angenehm, ihn nicht von Anfang an dabei zu haben. Man sieht ihm auf der Leinwand sein Alter an - ob er auch reifer und weiser geworden ist, oder man ihn einfach nicht lässt, vermarg ich nicht zu beurteilen. Harrison Ford bereichert diesen Film aus schauspielerischer Sicht meiner Meinung nach überhaupt nicht. Aber: ich mag keinen einzigen Film mit Harrison Ford, da er es immer wieder schafft, selbst Steilvorlagencharakter wie etwa die des Jack Ryan aus der Tom Clancy Verfilmung "das Kartell" an die Wand zu fahren um von Alex Baldwin den selben Charakter in "Jagd auf Roter Oktober" so wunderbar verkörpert vorgeführt zu sehen. Ford spielt immer den mürrischen, unnahbaren Typ und das immer auf die selbe Weise. Ob in Star Wars oder in Indiana Jones.

Ryan Gosling als Replikantenjäger K, der selbst Replikant ist und Nähe fürchtet ebenso wie er sie in seinem Inneren wohl herbei sehnt spricht im Film nicht viel. Sein Gesicht ist meiner Meinung nach überpräsent und mir ist aufgefallen, dass seine Augen ziemlich unsymetrisch sind. Das wäre mir nicht aufgefallen, wenn es eben nicht so viele Einstellungen von ihm gäbe, die außer seinem Gesicht keinen Inhalt haben. Philip K. Dicks Replikantenjäger Decker hätte er so mühelos verkörpern können, aber der wird ja in gealteter Form von Harrison Ford dargestellt. Trotzdem eine passende Darstellung - sicherlich ist die Rolle so ausgelegt, dass der Replikant durch wenig Text und wenig Mimik gezeigt werden darf.

Ana de Armas, deren sinnliche Erscheinung immer mal wieder kurz davor ist, zu sinnlich zu sein (die Kurve aber immer wieder schafft), hat ironischer Weise (da sie als holografische Projektion die "niederste" Lebensform darstellt) die höchste emotionale Strahlkraft. Es gibt wunderschöne Szenen, die - es wurde ja schon erwähnt - hohen künstlerischen Wert besitzen. Etwa wie sich sich mit einer Prostituierten synchronisiert, um K das körperliche Erfahren von Zuneigung zu ermöglichen und man minutenlang auf der Leinwand eine Mischung als Joi und der Prostituierten erfährt. Schnittechnisch und von der Idee her fast brilliant. Sie ist die lebendigste Figur in diesem Film - strahlt fast in ihrem durchsichtigen gelben Regenmantel, der auch in Luc Bessons "das fünfte Element" zur Ausstattung gehören könnte.

Sylvia Hoek spielt die Antagonistin Luv, eine Replikantin im Auftrag ihres Erschaffers auf sehr gekonnte und beeindruckende Weise. Das Gesicht meist (ebenso wie ihre replikantischer Gegenspieler Ryan Gosling) zu keiner Mine verzogen, leer und ausdruckslos, kann zwischen der freundlich auftretenden, reservierten Empfangsmanagerin und der hassgetriebenen Killerin genau so schnell und fließend wechseln wie es wohl ein echter künstlicher Mensch (in Philip K. Dicks Welt) auch könnte. Die weit auseinander stehenden Augen, die 50er Jahre Neo-Frisur - all das wirft ein ebenso konträres wie passendes Bild. Eine würdige Gegenspielerin.



wie in alten Zeiten sind es Nebendarsteller, die den Film durch ihre Präsenz und ihre zurückgenommene aber in keinster Weise weniger beeindruckende Spielkraft aufwerten.

Allen voran Robin Wright, die Ks Vorgesetzte, Leutant Joshi spielt. Ihre Szenen sind dominiert von ihren stechenden Augen, der streng zurückgegelten Frisur, die eine moderne Interpretation des alten, vom Leben gebeutelten Vorgesetzten mit Gewichtsproblemen und fettigen Haaren ist. Nur, dass Lt. Joshi weder dick ist noch fertig wirkt. Robin Wright zeigt eine Figur, bei der man gar nicht so genau fest machen kann, warum sie wichtig ist.


Jared Leto redet in den wenigen Szenen meist pathetisch daher und sein Charakter nervt eher, da er wenig substantielles zur Geschichte beisteuert.

 

Edward James Olmos spielte in "Blade Runner" von 1982 den Polizisten Gaff, der Deckard immer wieder zu seinem damaligen Vorgesetzten zurück bringt. Damals in einem kruden Mix aus Mafiosi-Look und Kiffer-Rethorik. Er ist der zweite und letzte Charakter, den Ridley Scott aus der '82 Verfilmung übernommen und belassen hat. Ganz in weiß hat er nur einen kurzen Auftritt, der jedem Fan ein kurzes Lächeln auf die Lippen zaubert.

der Kanadier David Dastmalchian spielt den Gerichtsmediziner Coco, dessen Habitus und Aufmachung vielleicht mit am meisten an eine Gestalt aus der alten Verfilmung erinnert. Sein kantiges, wenig attraktives dafür aber umso ausstrahlungsreicheres Gesicht über dem hageren, mit einer durchsichtigen Goldschürze bekleiden Körper verlässt den Film zwar früh, trägt aber zur Stimmung gut bei.

 

 


Kritik

 

 

 

Mit knapp drei Stunden Spielzeit (2:45h) ist der Film relativ lang. Entgegen der Stimmung und der Geschwindigkeit, die der Trailer suggerierte, ist "Blade Runner 2049" ein ruhiger und nachdenklich, hintergründiger Film. Eine Kombination, die dem Zuschauer zu schaffen macht. Ridles Scott tendiert im Alter dazu, Filme epochal anzulegen. Die Fragen nach der Dominanz bestimmer Lebewesen und vor allem der Dominanz biologischen Lebens gegenüber künstlichem treibt ihn um. Zuletzt noch in "Prometheus" und "Alien Covernant".

Es ist Scotts gutes Recht und vielleicht sogar richtig, dass er aus (seinen) alten Stoffen ein wenig die Action rausnimmt und die Philosophie dafür rein.

 

Das Publikum, dass damals in die ersten drei "Alien" Filme gegangen ist, ist mir ihm gealtert. Aber das neue Publikum, dass wie ich bei Erscheinen von "Alien" gerade mal wenige Wochen oder Monate auf der Erde war - dem wird es schwer gemacht ihm zu folgen. Sicherlich wird es einigen Alien-Fans der ersten Stunde ebenso gehen.Als ich im Kino war gab es eine handvoll Zuschauer (und das Kino war kaum zu einem Drittel gefüllt), die den Film vorzeitig verlassen haben. Ich selbst habe mit der Müdigkeit gekämpft und auch meine Nachbarn entfleuchte der ein oder andere Seufzer.

 

Der Film hat zu viele Längen. Viel zu viele. Er ist bereits nach 30 Minuten zäh und schleppend. Zu viele lange Porträtaufnahmen, zu viele langsame Fahrten auf starre Gesichter, zu wenig echte Dialoge. Ich hatte genau das Gegenteil erwartet und war anfangs noch froh darüber, keinen typischen Actionfilm zu sehen wie sie in dei letzten Jahren in ätzender Überflut die Kinos mit lächerlichen Slapstick-Dialogen, platter Handlung und wenig begabten Schauspielern überflutet. Doch irgendwann wurden mit die oben beschriebenen Kameraeinstellungen zu viel.

 

Und das obwohl der Film wunderschöne Bildkompositionen bietet, die künstlerisch anspruchsvoll sind. Man merkt, dass Regie, Kamera und Musik hochgradig professionelle handwerkliche Arbeit sind, dass sie ineinander greifen auf eine Art, wie man es wohl vor 15 Jahren noch gelernt hat und heute verschwunden ist. Aber der Film kann sich nicht entscheiden ob er eine ArtHouse Atmosphäre schaffen möchte, die nicht handlungsorientiert auf Stimmung setzt oder ober ein ein Sci-Fi Film sein will.

 

Jedem Actionfan der letzten so sagenhaft schlechten Star Wars oder Guardians of the Galaxy Filmen sei gesagt: das ist nicht euer Film! Es gibt die ein oder andere Actionsequenz, die aus Schlägerein (die tatsächlich Ansätze von Martial Art Filmen haben) und ein paar Explosionen bestehen - aber ein Großteil ist eine unausgesprochene Auseinandersetzung zwischen dem, was den Menschen menschlich macht und dem was einen Replikanten (!) menschlich macht. Oder eben unmenschlich.das zumindest ist exact der Tenor des Buches von Philip K. Dick.

Auch er hat sich mit der philosopisch-evolutionären Theorie eines postapokalyptischen Zeitalters beschäftigt, in dem der Mensch selbst durch einen Atomkrieg entmenschlicht ist und vielleicht desshalb den zwar unperfekten aber sich evolutionär noch nach vorne entwickelnden Replikanten unbewusst eifersüchtig im Zaum halten will.

 

Auch "do androids dream of electric sheep" ist ein nachdenkliches und hintergründigen Buch. Es bietet sogar noch weniger Spannung - aber ihm fehlen die immer schwerer zu ertragenden Längen. Der Film aber besteht nach der Hälfte fast ausschließlich daraus. Ich hätte fast zum zweiten mal in meinem Leben das Kino verlassen. Aber die außergewöhnlichen Bilder - etwa im Wallace-Gebäude, in dem sich Wasser in einer art gold-geblichen Zwielichts an den Wänden in sanften Wellen spiegelt oder die schrill-bunten Projektionen auf die Fassden einer immer regnerischen, grauen, betonbetürmten Welt haben mich durchhalten lassen.

 

Ein Spielfilm kann nicht nur von schönen Bildern leben - dann wäre er eine Kunstinstallation. Zu jeder Geschichte, die in Bildern erzählt wird, gehört eben auch eine Geschichte, eine Entwicklung, Konflike und Wendungen. Diese werden in den drei Stunden des Films ausgewalzt, in die Länge gezogen. Die philosophischen Denkanstöße wie etwa das Verhältnis Mensch zu Replikant aber auch Replikant zu "niederer" künstlicher Lebensform (verkörpert von Joi) sind wichtig, gut und richtig. Sci-Fi hat sich in der Vergangeheit stärker als im heutigen Popcorn-Kintop mit philosophischen und weltanschaulichen Modellen und Theorien beschäftigt. Das tut Ridley Scott auch - aber auf einer intellektuellen Ebene, die vieles so unterschwellig und unbeantwortet belässt, dass es für den Zuschauer wahrhaft anstregend wird, sich damit zu beschäftigen. Vorgekaut wird einem hier nichts, man muss es sich selbst erarbeiten. Das hat die positive Folge, dass man sich tatsächlich noch Stunden oder Tage nach dem Kinobesuch mit "Blade Runner" beschäftigt. Negativ ausgedrückt muss man aber auch sagen, dass der Film sicherlich viele Zuschauer unbefriedigt zurück lässt. Und gerade die jüngeren Kinogänger mögen sich der Tiefe und der humanistischen Denkanstöße gar nicht bewusst werden.

 

 


Fazit
 

 


Alles in allem ein Film, den ich mir leider kein zweites mal anschauen würde. Die Story ist zu verworren, zu wenig erklärt. Aber die Bilder sind künstlerisch anspruchsvoll, die Musik von Benjamin Wallfisch, der ebenso die Musik zum parallel laufenden "Es" oder "Dünnkirchen" und "Moon" komponiert hat passt einfach sowohl in den treibenden wie auch in den ruhigen Passagen. Roger Deakins, der schon für "Die Verurteilten","Skyfall" und "no country for old men" die Kamera führte, hält die Kamera oft fast still (fast!) - all das ist ein Beispiel dafür, wie handwerkliches Können perfekt zusammen passt.

 

Der Film ist auf eine Art ein echtes Meisterwerk der Filmkunst, auf der anderen Seite ein Beispiel dafür, wie man durch Längen und zähe Handlung einen Film demontieren kann, die Geschwindigkeit so entschläunigt, dass immer wieder Stillstände auftreten und zu wenig Dialoge ein Handlung zum erliegen bringen.

Was ist er nun - ein verkopfter, zu intellektueller Kunstfilm oder ein schief gegangener Actionfilm? Oder doch ein Meisterwerk?



FJ


Hinweis: der Verleiher Warner Bros hat es mir untersagt, das Filmplakat oder Ausschnitte aus dem Film zu zeigen. Ich halte das für stinken-dämlich, aber selbst schuld. Deswegen aber gibt es hier keine Bilder zu sehen.

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