Interview mit Caroline Ronnefeldt

Mit "Quendel" hat die Illustratorin und Autorin Caroline Ronnefeldt einen Fantasy-Roman geschrieben der außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich deshalb, weil er auf die klassischen Regeln der deutschen Fantasy, die geradezu inflationär mit vielen mittelmäßigen und schlechten Werken den Buchmark überschwemmt. Sie verzichtet auf Schwertkämpfe, Orks, Elfen und Zwerge (selbst Magie spielt verschwindend gering und kaum wahrnehmbar eine Rolle) sondern hat einen ruhigen, klassischen Roman geschrieben, in dem ein kleines Volk friedlich in der Natur lebt, etwas britisch-kautzig daher kommt und sich plötzlich einer aufkommenden Bedrohung gegenüber sieht.
 

 

 

Creepy Creatures Reviews: Sie haben bisher Bücher über das Gärtnern geschrieben - nun auf einmal ein sehr ausgereift wirkendes Fantasy Buch. Wie kam es zu diesem Wandel?

 

 

Caroline Ronnefeldt: Ich habe schon immer zum eigenen Vergnügen "vor mich hin geschrieben", wann immer es meine Zeit erlaubte.Aber eigentlich bin ich Illustratorin und habe seit über zwanzig Jahren von Hamburg aus querbeet für Verlage, Werbeagenturen und Redaktionen gearbeitet.Zu meinen Gartenbüchern bin ich auf diesem Wege ein bisschen wie "die Jungfrau zum Kinde" gekommen - ich hatte für diesen Verlag schon illustriert und dem Lektorat dann einfach mehrere Buchkonzepte vorgestellt, die vor allem mit meinen Illustrationen zu tun hatten. Als ich dann gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, die Texte auch selbst zu schreiben, habe ich eingewilligt. Ursprünglich studierte Kunsthistorikerin, konnte ich nun quasi mein Interesse an Geschichte und Literatur mit der eigenen Zeichnerei und Illustration verbinden. Und darunter auch meine Vorliebe für England: mich mit der dortigen klassischen Illustration, Gartenkunst, Malerei, Literatur, Fantasy, etc. zu befassen, hat mich in jeder Hinsicht sehr geprägt.Womit ein hoffentlich eleganter Übergang zu Ihrer zweiten Frage gelingt:

 

 

Creepy Creatures Reviews: Es ist fürchterlich, ich weiß, aber irgendwie meint man die Quendel wären Cousins der Hobbits und Wetterstein lege nicht weit weg von Hobbingen. Ist Ihnen ein Vergleich mit Tolkien lästig, peinlich oder als empörend zurückzuweisen?

 

 

Caroline Ronnefeldt: Ganz im Gegenteil finde ich es toll und mehr als schmeichelhaft, dass die Quendel gar nicht selten mit Mittelerde und den Hobbits in Verbindung gebracht werden. Und zwar auf eine sehr ernsthafte Art vieler freundlicher Leser und Rezensenten, die nichts damit zu tun hat, dass gerne viele Büchern damit beworben werden, dass ihnen als Kaufargument ein zugkräftiges Vorbild zugeordnet wird. Was dann wirklich nicht immer zutrifft, wenn man das Buch liest.Ich freue mich darüber ganz besonders, weil im zarten Alter von 14 "Der Herr der Ringe" wirklich mein literarisches Erweckungserlebnis war und ich so tief in diese Welt eingetaucht bin, dass ich - egal was ich später "kreativ" unternommen habe - für immer mit einem Fuß in Mittelerde geblieben bin, wenn man so will.

 

Damals, nach der ersten Lektüre, war ich so todtraurig, dass das Buch nun einmal ein Ende hatte, dass ich zehn Seiten vorher aufgehört und für mich zum Trost ein bisschen weitergeschrieben habe.....Über all die Jahre, in denen ich beruflich vor allem zeichnete, umschlich ich schließlich die Idee - nur für mich im stillen Kämmerlein und keinesfalls zur Veröffentlichung - eine so umfassende Welt wie Tolkien zu entwerfen - einfach, um ab und zu dort unterzutauchen. So ging das mit den Quendeln los und ich habe zum eigenen Vergnügen geschrieben, was wunderbar war, weil es keine Schranken im Kopf gab und ich daher mit Bullrich Schattenbart in Echtzeit in den Finster gewandert bin, da ich ganz intuitiv schreibe.Von Anfang an war mein eigenes Schreiben ein innere Hommage an den HdR, wobei ich mir allerdings sehr bewusst war, dass ich weder über ein so umfangreiches akademisches Wissen wie dessen Autor über altnordische Sagen, Sprachen etc. verfüge, noch aus England stamme - ich bin wahrscheinlich ziemlich deutsch (nichts peinlicher als pseudobritisch). Auch deswegen habe ich mir die Quendel allenfalls als die deutschen Verwandten, oder das verwandte Volk auf der anderen Seite des Ärmelkanals von Mittelerde vorgestellt.Dadurch wuchs auch meine Intention, mein eigenes begrenztes Wissen über hiesige Sagen, Märchen etc., Mythologien in die Quendel einzuweben, damit es für sie einen zumindest annährend authentischen Humus gibt wie für die Bewohner von Tolkiens Welt.

 

 

Creepy Creatures Reviews: letzte Tolkien-Frage, ich verspreche es: würden Sie es J.R.R. gerne zu lesen geben?

 

 

Caroline Ronnefeldt: Ich habe so Einiges Literaturtheoretische von Professor Tolkien, oder über ihn gelesen und bewege mich gerne innerhalb dessen, was er z.B. in seinem Essay "Baum und Blatt" über das Gerne gesagt hat. Er war ja in mancher Hinsicht recht streng und ein Vertreter der reinen klassischen Lehre und Terry Pratchett hätte er wohl nicht goutiert. Aber mir liegen seine Vorlieben und ja, es wäre mir eine große Ehre gewesen, einmal seine Einschätzung der Quendel zu hören ;-)))

 

 

Creepy Creatures Reviews: Also wenn die Städte der Quendel nicht in Mittelerde liegen, könnten sie dann irgendwo in England sein - die Quendel wirken so britisch-kautzig

 

 

Caroline Ronnefeldt: Ich hoffe und erlebe auch häufig (insbesondere im Norden, einer Hochburg des trockenen Humors mit sparsamen Worten), dass die Deutschen durchaus über ähnlich sympathische Kauzigkeit, Ironie und dazugehörige Schrullen verfügen - vielleicht nicht so ausgeprägt und oft wunderbar hemmungslos wie die Briten - aber es wird immer besser.

 

Um es geographisch ganz genau zu sagen: das Hügelland liegt einerseits in Devon, Südengland, rund um ein kleines Dorf am Rande des Dartmoors und andererseits rund um ein Dorf, bzw. altes Haus am Rande des Waldes im niedersächsischen Artland.Dort (im alten Familienhaus auf dem Lande) habe ich den Herr der Ringe zum ersten Mal gelesen und mir vorgestellt und dringend gewünscht, dass nachts die Elben aus dem Wald heranziehen. Und dort habe ich dann auch später an meinen eigenen Manuskripten gearbeitet.

 

 

Creepy Creatures Reviews: Quendel sind nicht nur ihre Kreaturen, in der echten Welt ist das Quendelkraut der wilde Bruder des Thymian; auch spielen vor allem Pilze eine wichtige Rolle bei den Quendeln ebenso wie Obst - können Sie nicht anders als Ihre Verbundenheit zur Natur und zu Gärten literarisch zu verarbeiten?

 

 

Caroline Ronnefeldt: "Quendel" ist naturverbunden (wie die Quendel selbst in ihrer pastoralen Idylle), hat aber für mich einfach vor allem einen schönen Klang und der glückliche Einfall der Verwendung von Pilznamen für die verschiedenen Quendelsippen freut mich noch immer, eben weil die deutschen Pilznamen ein Füllhorn der allerschrägsten Bezeichnungen ist. Einfach großartig: z.B. der "natterstielige Schneckling" - toppt jeden Indianernamen in alten Western. Vielleicht ist das ja eher unfreiwillige Ironie, weil eigentlich "nur" deutsche Akribie - auf jeden Fall reichen diese wunderbaren Namen noch für Generationen munterer Quendel und tragen hoffentlich zur Authentizität des Hügellandes bei…..

 

 

Creepy Creatures Reviews: War der Ausflug in die Fantasy eine Ausnahme oder würden Sie das gerne wiederholen?

 

 

Caroline Ronnefeldt: Nein, das erste Buch ist kein Ausflug, sondern nun hoffentlich ein dauerhafter Aufbruch in etwas, was ich ja eigentlich schon immer "nebenbei" mit großer Hingabe betrieben habe. Wobei ich wirklich Respekt vor dem Schreiben habe, das ich als weitaus fordernder und umfassender empfinde, als das eher meditative Zeichnen. Es war ja nicht automatisch damit

zu rechnen, dass die Quendel veröffentlicht einen ganz guten Weg zu nehmen scheinen, aber nun schreibe ich tatsächlich bereits weiter an der Fortsetzung, denn die Geschichte war von Anfang an - dem Umfang eines Jugendbuches geschuldet - halbiert worden und das wirklich offene Ende insofern eher verordnet, als beabsichtigt. Denn eigentlich geht das Abenteuer nun erst richtig los und ich hoffe, ich darf es so drastisch schreiben, wie ich es von Anfang an für mich geplant hatte - ohne besondere Rücksicht auf Altersgrenzen.
 

 

 

 

Vielen Dank, Caroline Ronnefeldt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


"Quendel" von Caroline Ronnefeldt
448 Seiten
Ueberreuter Verlag 2018

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Quendel

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