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"New York 2140"

New York nach zwei Flutwellen - die Stadt liegt zu großen Teilen unter oder nur knapp über dem Wasserspiegel. Das Leben einer überfüllten, versmoggten Großstadt mit zu viel Verkehr hat sich vollkommen geändert. Die Menschen leben in den noch nicht eingestürzten Wolkenkratzern, pflanzen auf den Dächern Nahrungsmittel an und leben in ständiger Bedrohung durch das Wasser, dass in die Wohntürme eindringen könnte.
Wohnraum ist knapp geworden und die Gesellschaft hält nur deswegen, weil es klare Regeln und Abläufe gibt. Nahrungsmittel sind rationiert, Wohnräume ebenfalls und wer sich den nicht leisten kann, der lebt eben dort, wo andere nicht mehr leben möchten. Wie im alten New York gibt es eine Oberschicht, die sich fast alles leisten

kann und solche, die noch nicht mal Lesen und Schreiben gelernt haben. Das Sozialsystem baut darauf, dass jeder mithilft New York am Leben zu halten.

 

 

Da gibt es Vlad, der in einem großen ehemaligen Büroturm als Hausmeister für die Sicherheit des Gebäudes vor allem vor Wasser zuständig ist. Die Inspektorin Gen wacht als eine Art Polizistin über Recht und Ordnung und dann gibt es noch Franklin, der über die Börsen wacht.
Über die Börsen? Ja, genau: das ehemalige Finanzzentrum Amerikas ist nach wie vor der Ort, an dem sich Börsenhaie, Trader und andere Finanzjongleure tummeln. Franklin, der "den Kopf voller Zahlen" hat, ist einer von ihnen. Und einer derjenigen, die sich ein besseres Leben, ein schnelleres Boot und abendliche Cocktailpartys leisten kann.

 


Das alles klingt nach einer faszinierenden Geschichte, die viel Potential für gesellschaftliche Entwürfe und Strukturen bietet, soziale Entwicklungen entwerfen könnte und ganz nebenbei auch Platz für gruslige abnormale Wesen bieten könnte. Leider kat Robinson seine so spannende Idee verspielt.

Bereits zu Anfang wird klar, wie verliebt der Autor in die Stadt New York ist; ihre einstige Großartigkeit wird er nicht müde zu betonen und auch in seinem fiktiven, überspülten New York sind es die Menschen, die aller etwas besonderes sind und die Stadt dadurch ebenso besonders machen.

Vielleicht muss man New Yorker oder zumindest New York Fan sein, um uneingeschränkt mitzuschwelgen - für andere mag es eher ermüdend sein, diese typisch amerikanischen Glorifizierungen bestimmter Städte.

Vlade, der Hausmeister ist die vielleicht spannendste Figur im Buch. Er schwankt zwischen grummeligen Eigenbrötler und gutherzigem väterlichem Oberhaupt. Zwei Jugendliche, die einen alten Mann aus dessem zusammenfallenden Wohnturm gerettet haben, lässt er nicht draußen stehen, aber gegenüber Inspektorin Gen empfindet er erstmal Misstrauen.

Jene Inspektorin - eine Art Polizistin - soll das Verschwinden zweier Programmierer aufklären, die aus ihrem Wohnzelt auf dem Dach eines Wolkenkratzers verschwunden sind, gehört ebenfalls zu der misstrauischen Sorte.

 

Wirklich nervig ist Franklin, der Börsenfutzi, der in seinen ersten Aufrtitten ewig über den Finanzmarkt schwafelt, über die Beziehungen der weltweiten Märkte, und Fonds und noch einiges anderes, das wohl nur börseninteressierten Lesern

überhaupt was sagt. Den meisten anderen wird es so vorkommen als würden nicht Türme sondern böhmische Dörfer aus dem Wasser ragen. Für Leser wie mich, denen Börse, FInanzmärkte und Aktiengeschäfte vollkommen gleichgültig sind, fordert es einiges an Anstrengung ab, den inneren Monologen Franklins überhaupt zu folgen. Noch dazu kommt eine geradezu lächerliche Liebesgeschichte mit einer Börsenfrau, die Franklin auf irgendeiner Roof-Top-Party kennenlernt. Während Kim Stanley Robinson vorher über duzende Seiten von Finanzmärkten schreibt, bahnt sich die Beziehung dann innerhalb weniger Seiten an.

Positiv ist, dass Robinson nicht mit er altbekannten Moralkeule ausholt sondern die Kritik am vom Menschen gemachten Klimawandel nicht in üblicher Fingerzeig-Manier sondern in sehr leisen und vor allem versteckten Worten andeutet.

Was das Buch allerdings für mich zu einem echten Versenker im wahrsten Sinn des Wortes macht, sind drei Punkte:

 

  • zu viele handelnde Personen
  • zu viele Längen
  • zu wenig Spannung

Schon bei dem ersten Roman Robinsons, den ich gelesen habe ("Aurora") wurde mir schnell klar, dass der autor keiner der rasanten Art ist. Er hat sich auf bei "Aurora" viel Zeit gelassen, Entwicklungen ging in Zeitlupe vor sich und über weite Strecken beschäftigte er sich mit dem Innenleben seiner Protagonisten. Doch was bei Aurora zumindest ein stetiges Rinnsal war, ist bei "New York 2140" völlig ausgetrocknet. Oder um es knapp zu sagen: es passiert einfach nichts. Gar nichts. Nach 300 Seiten - da kommen andere Bücher zum Höhepunkt oder sind sogar schon zu Ende - war immer noch nichts substanzielles passiert. Die Ermittlungen von Gen brachten nichts Neues hervor, Vlade hatte es gerade mal geschafft irgendwo ein Leck zu entdecken und Franklin faselte immer noch von den Finanzmärkten. Von anderen handelnden Figuren weiß ich nicht mal mehr ihren Namen oder ihre Funktion in der Geschichte. Man schleppt sich von Absatz zu Absatz, Unterkapitel zu Kapitel und von Teil zu Teil. Keine Konflikte, keine echten Bedrohungen, keine Entwicklungen, keine Nichts.

»eine einzigartige Zukunftvision«

 

verspricht verheißungsvoll die Rückseite des Buches - doch davon ist der über 800 Seiten starke Wälzer von Kim Stanley Robinson weit, weit entfernt. Ein zähes, praktisch handlungsfreies Buch ohne Spannung, ohne Entwicklung und ohne interessante Charaktere.




"New York 2140"
Kim Stanley Robinson
Heyne Verlag 2018
816 Seiten Taschenbuch


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