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"Alles über Frau Dohle" Oliver Susami

„Alles über Frau Dohle, Maria Holtzmacher, hätte eigentlich auf drei Seiten niedergeschrieben werden können. Sie ist eine sehr durchschnittliche Frau ohne ein leben, dass reich an Ereignissen und Abwechslung wäre. Ihren Mann - den Besitzer eines lokalen Sägewerks - heiratet sie eher aus Pflichtbewusstsein und wegen des Resultats einer - vielleicht der einzigen - stürmischen Zusammenkunft auf dem Rücksitz eines altes Citroens. Ihr Leben ist ebenso beschaulich wie ereignislos. Nur die Geburt ihres Sohnes Thomas war ein Ausbruch aus der Tristesse des Alltags. Und auch an ihrem Sohn scheint nichts so zu sein, wie es in einer Kleinstadt erwartet wurde - er fällt aus der Reihe. Friedrich, der einfach strukturierte und biedere Ehemann kommt mit seinem eigenen Sprössling nicht gut zurecht. Als Tom - er möchte nicht Thomas genannt werden - eines Tages ein altes Haus im Wald bezieht und seine künstlerischen Neigungen nachgeht ist das für Friedrich Holtzmacher etwas völlig unverständliches. Maria bemüht sich nach Kräften ihren Sohn zu unterstützen auch wenn sie nicht alles an seiner Kunst versteht. Aber ein Stück Exzentrik hat auch Maria: eine kleine Dohle hat sie vor den Fängen einer Katze gerettet und beschäftigt sich seitdem hingebungsvoll mit ihr, hat dem Tier sogar ein paar Worte beigebracht. So wird aus Maria Holtzmacher Frau Dohle.
 Die spießige Eintönigkeit hätte wohl noch bis zum Ende ihres Lebens

so weitergehen können würde Thomas, der so aus der Reihe gefallene Sohn eines Tages mit seinem Auto tödlich verunglücken. Und als wäre das nicht genug findet Maria in dessen Haus im Wald eine versteckte Kamera - mit einem Mädchen in einem Käfig. Die Welt von Frau Dohle wird auf den Kopf gestellt.

 

Er beginnt mit der Beschreibung von Maria und ihrem Leben, dass langweiliger und kleinbürgerlicher kaum sein könnte, erzählt von dem erotischen Ausrutscher auf der Rückbank des Autos, der Hochzeit und der Geburt des Sohnes - dabei beschreibt er eine erdrückende Spießigkeit, die dem Leser schonungslos vorgesetzt wird. Oliver Susami wertet nicht, nutzt wenig wertende Adjektive. Die Schrecklichkeit dieser grauen Einöde, die Maria ihr Leben nennt, dessen Highlight gelegentliche Besuche in der Grundschule sind (dort ist Frau Dohle und die Dohle selbst der Hit!) spürt der Leser aus jeder Seite strömen. Eine faszinierende Sozialstudie deutscher Kleinstädte ist dem Autor hier gelungen. Er beschreibt treffsicher eine Frau und ein Leben, dass durchaus hätte anders verlaufen können, wären Kleinstadtstrukturen nun mal nicht so, wie sie sind. Als klar wird, dass Thomas ein Mädchen gefangen hält, beginnt der Alptraum für Maria und Friedrich, der dank hohem Bierkonsum und Hang zum cholerischen bereits seinen ersten Herzinfarkt hinter sich hat. Die Presse wird auf den Fall aufmerksam und auf ein mal belagern Fernsehteams die Hofeinfahrt. Stur und unbelehrbar glaubt Maria

ihren Sohn und verteidigt ihn selbst als sich ihre wenigen Freundinnen und sogar Friedrich von ihr mehr und mehr abwenden. Das Opfer Toms versucht dabei anfangs noch, Verständnis für die Mutter ihres Peinigers aufzubringen, doch das gelingt ihr immer weniger. Und Maria verteidigt stur ihren toten Sohn.

Bis dahin scheint es, als wäre es ein klassischer Thriller um eine Mutter, die um das Ansehen ihres geisteskranken Sohn kämpft. Doch dann kommt eine Wendung, die die ganze Geschichte dreht sich.

Oliver Susami ist ein Meister des nüchternen Erzählers. Seine Figuren aber reagieren durchaus emotional. Allen voran Maria, die in der ersten Hälfte des Buches wie der perfekt beschriebene Archetyp der biederen Kleinstadt Hausfrau agiert. Jeder Leser, der sich in Kleinstädten auskennt, könnte wohl namentlich sofort jemanden nennen, der wie Frau Dohle ist. Ebenso Friedrich, den man sich als dicklichen und rotgesichtigen Typen im karierten Freizeithemd und mit einer braunen Bierflasche in der Hand vorstellt. Ein einfacher Arbeiter, der dank Landbesitz eine gewisse Position erreichen konnte, aber kein Interesse an der Welt hat. Der nicht weiß wie er reagieren soll, wenn irgendwas anders ist als er es gewohnt ist.

Es ist eine spannende, fast erschreckend ehrliche Betrachtung deutscher Spießbürger. Es ist aber auch eine wendungsreiche Geschichte, die nicht den Fehler macht in einen 08/15 Thriller nach Schema F abzugleiten. Vielschichtig sind nicht nur die Personen sondern auch die Herausforderungen. Das Ansehen eines Toten zu schützen ist eine Ebene, mit einem Ehemann umzugehen der wegen eines Schlaganfalls ein geändertes Wesen hat, der Umgang einer einfachen Frau mit der Presse und ihrem plötzlichen Status einer traurigen Berühmtheit. 

Sehr gekonnt führt Oliver Susami den Leser immer wieder in das vermeintlich sichere Gefühl, er wisse nun was Thomas da gemacht hätte. Nur um ihn kurze Zeit später wieder an allen zweifeln zu lassen. Die sture Uneinsichtigkeit Marias geht dem Leser irgendwann auf die Nerven - aber das ist durchaus beabsichtigt und bereitet heimlich auf den großen Wendepunkt zu.
Die determinierten Objekte der Gesellschaft, die schreckliche Tat von Thomas lassen wenig Platz für schöne Moment; fast gar keinen. Fast.


 

 

Die Geschichte wirkt so plastisch, dass man sich fragt, woher sie Oliver Susami hat. Wie schon Erich Kästner bei "Emil und die Detektive" und zahlreiche andere Autoren bei zahlreichen anderen Romanen, stammt die Inspiration dazu aus der Wirklichkeit wie der Autor hier erklärt:

Oliver Susami 2016
Oliver Susami 2016

"es gab vor einiger Zeit eine Story in den Medien: Eine Frau fand nach dem Tod ihres Vaters in seiner Garage Fässer mit Leichenteilen. Mich interessierte die Frage, ob man jemanden dann völlig anders sieht oder ob man nach Erklärungen sucht bzw. einen geliebten Menschen auch irgendwie entschuldigen will. Dies macht Frau Dohle ja auch, sie sucht nach alternativen Erklärungen, will das offensichtliche nicht akzeptieren und wird für verrückt erklärt."
(Oliver Susami am 20.08.2018 zu creepy creatures reviews)

 

 

Es ist nicht nur die so treffsicher skizzierte Milieustudie, sondern auch die Grauenhaftigkeit menschlicher Abgründe, die dieses Buch zu einem besonderen Roman machen. Oliver Susami schafft mit fast nüchternem, berichtenden Ton, der etwas an Ferdinand von Schirach erinnert die Wendung von der eindrucksvollen und detailreichen Beschreibung eines beschaulichen Kleinstadtlebens zu einem verstörenden und wendungsreichen Thriller.

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Gamze (Donnerstag, 23 August 2018 21:40)

    Hallo Florian, tolle Beschreibung und ich musste wirklich gleich an von Schirach denken, habe letzte Woche eine Folge gesehen zu einem ungesunden Mutter (Iris Berben)-Sohn- Verhältnis. Das passt gerade so gut u. ich werde mir definitiv das Buch besorgen :). Liebe Grüße Gamze
    PS: Der Live-Chat war interessant u.unterhaltsam.Nur leider konnte ich nicht so viele Tipps an dich/euch weitergeben. Ich habe mir allerdings einiges notiert.^^