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Der Schatten des Golem

Ein Rabbi erweckt einen Golem - aus Lehm geformt soll er fortan die jüdische Gemeinde beschützen. Dieser alte jüdische Mythos wurde von Éliette Abécassis neu formuliert und Benjamin Lacombe illustriert.

 

Die Geschichte an sich ist schnell erzählt und ist sicherlich weder eine besonders spannende noch außergewöhnlich handlungsreiche - wenn man die historische Einordnung außer Acht lässt ist es eine fast unspektakulär wirkende Story. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Aufmachung und Gestaltung des Buches. Vor allem aber die faszinierenden und stimmungsvollen Illustrationen des gebürtigen Parisers Lacombe.Er gibt in jeder seiner grafischen Interpretationen des Textes der doch eher dünnen Geschichte eine faszinierend dichte und emotionale Tiefe. Ihm ist es in der Hauptsache zu verdanken, dass dieses Buch ein tolles Beispiel dafür ist, wie sehr eine Geschichte wirken kann wenn sie durch passende Bilder, Grafiken und Aufmachung unterstützt wird.


Benjamin Lacombes Arbeiten sind regelmäig in Kunst- und Ausstellungshäusern auf der ganzen Welt zu sehen; schon für sein Abschlussprojekt "Grise Griotte" an der "École nationale supérieure des Arts" - ein selbst geschrieben und selbst illustriertes Kinderbuch - bekam er große Aufmerksamkeit. Das Times Magazine kürte "Grise Griotte" damals (das war 2006) zu den zehn besten Kinderbüchern des Jahres. Für diese Neuerzählung des alten Golem Mythos hat er sich mit viel Liebe zum Detail an die grafische Umsetzung gemacht.

 

Wie bereits gesagt ist es nicht unbedingt die Geschichte, die "Der Schatten des Golem" in dieser Ausführung aus dem Knesebeck Verlage zu etwas besonderem macht. Immerhin ist die Gestalt des Rabbi Löw, die wirklich existierte schon 1512 geboten und 1609 gestorben. Die Unterdrückung von Juden ist in der langen Geschichte dieser Religion allgegenwärtig und über buchstäblich Jahrhunderte eine traurige Begleiterscheinung - nicht erst seit den 30er Jahren in Deutschland, in dem der Hass und die Vernichtung einen grausamen Höhepunkt erreicht hatten.

Mittelpunkt der Geschichte ist die kleine Zelmira, die eines Nachts beobachtet, wie Rabbi Löw als Lehm ein Wesen formt und diesem auf magische Weise Leben einhaucht. Eine kleine Schriftrolle wird dem Wesen unter die Zunge gelegt und nun ist Rabbi Löw in der Lage dem Golem Befehle zu erteilen.
Zelmira ist fasziniert von dem großen Wesen und sucht die Nähe zum Rabbi und seiner Familie. Als es schließlich ernst wird und der Golem die jüdische Gemeinde beschützen muss, sind die Hoffnungen auf Freiheit und Frieden groß.

 

Wie alt die ursprüngliche Geschichte ist, habe ich nicht rausfinden können. Mit Gustav Meyrinks Golem Geschichte hat sie kaum Verbindungspunkte. Es scheint eine alte Volkssage zu sein, die hier von Éliette Abécassis neu in Worte gefasst wurde. Das ist ihr gut gelungen, denn sie schafft es eine gute Mischung aus moderner und gleichermaßen künstlcerisch wirkenden Sprache zu finden. Sie erfindet die Charakter nicht neu, gibt ihr aber ein im modernen Kontext gut verständliches, trotzdem aber in die Zeit passende Anmutung. Und immer wieder sind es Benjamin Lacombes so eindrückliche und tiefe Kunstwerke, die dem Leser erlauben, tiefer in die Geschichte einzutauchen, als es ohne sie möglich wäre.

Es ist aber auch ein wunderschön gestaltetes Buch,das einen schön furmlierten und gleichermaßen nachdenklichen wie auch erzählerisch ansprechenden Ton anschlägt. Das Buch mit seiner Fadenheftung, der farbigen Seiten und schön gedruckten Werke ist ein echtes Beispiel dafür, wie (in Zeiten von Amazon-Billigproduktionen) Bücher noch aussehen können hat die Anmutung eines sehr aufwendigen und hochwertigen Kinderbuchs. Sicherlich ist es auch als solches gedacht; aufgemacht wie ein Märchenbuch aus früheren Zeiten mit wenig Text aber vielen Abbildungen machen Abécassis und Lacombe nicht den Fehler, eine unpassende Graphic Novell daraus zu machen sondern vielmehr ein modernes, altes Märchenbuch. Aus dem Rückblick der erlebten Greultaten gegenüber der Juden ist "Der Schatten des Golem" ein trauriges Buch. Aber es ist ein Abbild des Sagenschatzes einer Religion, der in Worte gefasste Wunsch nach einem übermenschlichen, starken und eingreifenden Beschützers. Die Sehnsucht nach einem Ende aller Anfeindungen.Seinen Wert als Sammlerstück und als schönes Beispiel dafür, wie schön Bücher gestaltet werden können und wie sehr das zum Empfinden als Gesamtkunstwerk beiträgt.


"Der Schatten des Golem" von
Éliette Abécassis neu formuliert und

Benjamin Lacombe illustriert

 

Knesebeck Verlag 2017
184 Seiten
24,95 €

https://www.knesebeck-verlag.de/

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