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im Land der roten Krieger - die Masai Mara

Game Drive in der Masai Mara
Gane Drive in der Masai Mara

Wie wohl jeder Europäer habe ich exotische Tiere bisher nur im Zoo gesehen. Eine Safari, auf der man mit etwas Glück einigen oder gleich allen der berühmten „Big Five“ (Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel und Leopard) begegnen könnte, hat mich seit Jahren schon fasziniert. Ebenso wie es mich gewundert hat, dass in armen Ländern wie Kenia und Tansania eine solche Safari fast schon unbezahlbar ist. Aber dank eines großzügigen Geschenks haben wir Ende September 2018 voller Spannung unsere Koffer gepackt und sind nach Afrika geflogen.
 Was würde uns erwarten? Würden wir überhaupt Tiere sehen? Wie würde es sich anfühlen in Zelten oder Holzhütten zu wohnen?

Nun ist Afrika kein Land sondern ein Kontinent, der groß ist und differenziert betrachtet werden muss. Als Kind stellte ich mir ganz Afrika so vor, wie ich es vor meinem inneren Auge gesehen habe als ich „kein Platz für wilde Tiere“ und „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek gelesen habe: eine heiße Steppe, deren vorherrschende Farbe ein bräunliches gelb ist, kein Schatten und gefährliche Tiere an jeder Ecke. Riesige Gnu und Gazellenherden, die aus der Luft betrachtet Staubwolke hinter sich her ziehend flüchten. Das waren die Bilder, die ich noch im Kopf hatte - ebenso wie das berühmte Zebra-Flugzeug.

Daher wollte ich unbedingt in die Serengeti - aber es wurde dann doch die Masai Mara. Ich wäre zwar wirklich gerne zum Ngorogoro Krater gereist und hätte mir das Grab von Vater und Sohn Grzimek angeschaut um in mir die Erinnerungen an die ersten beiden Naturbücher, die ich je gelesen habe wieder zu erwecken, aber die Dame vom Reisebüro hat uns die Masai Mara empfohlen. Masai - das Wort sagte mir etwas. Irgendwo - ob bei Grzimek oder wo anders - hatte ich mal etwas über diesen indigenen Volksstamm gelesen, der von Kenia bis Tansania und darüber Hinhaus verbreitet ist. Sie würden das Blut ihrer Rinder trinken und die Wunde später mit Lehm wieder verschließen stand da. Hochgewachsene Menschen sein das, die eine gewisse Ruhe und fast aristokratische Gelassenheit ausstrahlen würden und mit roten Gewändern und Perlenschmuck von der Rinderzucht leben würden. Ich war gespannt, ein wenig unsicher und habe zur Sicherheit vorher mal auf der Website des Auswerten Amts nachgeschaut, was über Kenia geschrieben steht - ein großer Fehler. Wie jeder der staubigen und menschlich entrückt wirkenden Bundesbehörden wird dort - um sich abzusichern - grundsätzliche ALLES als potentiell gefährlich, gesundheitsgefährlich und nicht sicher eingestuft. Mückenschutz habe ich eingepackt, ein billiges und sehr häßliches Safarihemd (natürlich in Khaki - denn Mücken mögen vor allem helle Farben und gestreifte Kleidung nicht) und langarm-T-Shirts.


Von Bonn in die Masai Mara

Nairobi
Nairobi

Der Weg in die Masai Mara begann um fünf Uhr morgens. Vom Flughafen Köln-Bonn aus, der mittlerweile durch seine von Werbung zugepflasterten Wände so unübersichtlich geworden ist, dass man es schwer hat die sinnvollen Informationen überhaupt noch zu finden ging es nach Zürich und von dort zum internationalen Flughafen Jomo Kenyatta Nairobi. Nairobi schreckte erstmal ab. Schmutzig und stinkend begrüßte uns die Stadt; mit einem Taxi fuhren wir durch den stockenden Berufsverkehr (14 Stunden nach dem Aufstehen in Bonn waren wir angekommen) zum Hotel, dort durch gleich zwei Sicherheitsschleusen inklusive Beschnupperung durch einen Drogenhund im Hotel angekommen und deutlich erschöpft. So erhofft, dass mir erst im Hotel aufgefallen ist, dass es ja gar keine 40 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit hatte. Milde 22 Grad waren es - das erste Afrika Klischee war widerlegt.

Flug in die Masai Mara
Flug in die Masai Mara

Am nächsten Morgen ging es von weitaus kleineres Flughafen Nairobi Wilson in die Masai Mara. Auf dem Flugticket stand auch tatsächlich nur „to: Masai Mara“. Den Grund dafür, dass es keinen speziellen Flugplatz gab, erfuhren wir erst in der Luft. Zunächst wurden wir von einer schlecht gelaunten Mitarbeiterin der kleinen Fluglinie zu Fuß zu einer Art Flugzeug geführt, bekamen ein trockenes Zimtbrötchen und eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt und durften das Transportmittel betreten: 16 Sitzplätze, von denen einer dem Piloten gehörte. Wenn was sei, teilte er uns auf englisch mit, sollte man ihn einfach an der Schulter berühren; er würde dann sein bestes geben um zu antworten. Wir würden zwischendrin zwei mal halten und Leute rauslassen hieß es, denn in der Tat gibt es keine befestigen Flugplätze sondern sogenannte „Airstrips“ - also begradigte Pisten, auf denen nur kleine Flugzeuge wie das unsere landen konnte, ein paar Leute rausließ und dann direkt zum nächsten Airstrip weiterflog. Nach 1,5 Stunden teilte uns der Kapitän mit, wir würden nun gleich das erste mal landen. Wir waren angekommen.

 

 

I am a Masai

"Topi" Antilope
"Topi" Antilope

Unsere Taschen - Hartschalenkoffer konnten im Flieger wegen des begrenzten Platzes nicht mitgenommen werden - waren schon in einem Jeep verfrachtet worden und ein freundlicher Mann mit beeindruckend weißen Zähnen begrüßte uns und wir durften in das umgebaute Geländefahrzeug steigen. Keine 100 Meter war der junge Mann gefahren als alle Touristen aufgeregt und mit zitternden Fingern ihre Kameras rausholten und ihr erstes Tier fotografierten. Direkt am Rande der Autopiste stand ein Elefant unter einem Baum und wedelte entspannt mit dem Rüssel hin und her. Wahnsinn - der erste der Big Five und wir waren noch keine 15 Minuten im Busch! Eine freundliche Ermahnung des Fahrer folgte, jetzt sei erstmal kein Game Drive angesagt, wir sollten erstmal ins Camp. Er, James, sei unserer Fahrer und würde uns bis zum Ende unseres Aufenthalts im Camp fahren. Aussteigen während er Fahrt wäre verboten, das Anfassen der Tiere ebenfalls und - alles in freundlichem Ton vorgetragen, so dass man gar nicht mitbekam, dass hier gerade Regeln aufgestellt wurden - seinen Anweisungen wären immer Folge zu leisten. Es dauerte einen ganzen Tag bis ich verstand, dass James keineswegs ein „Fahrer“ war. Er ging so selbstverständlich mit den Tieren um und konnte aus hundert Metern Entfernung nicht nur sagen, ob der Puma (Warzenschwein) da hinten männlich oder weiblich sei sondern auch wie alt das Tier war und was sein Tagesablauf war. Ich staunte - in meinem beschränken Wissen über den jungen Mann - wie gut er sich auskannte. Auch jeden Masai Hirten auf dem Weg, der seine Rinderherde trieb war offenbar bestens mit James bekannt, man tauschte ein paar Worte aus, winkte sich zu und fuhr weiter. Erst Jannine, eine englische Touristin fragte James, ob er denn hier aus der Gegen stamme. Ja, sagte er. Und dann schlicht „I am a Masai“. Ein Masai mit G-Shock Uhr, modischer Sonnenbrille und im Safari Outfit?

Masai Führer James
Masai Führer James

In den kommenden drei Tagen erfuhren wir alle mehr über James - tatsächlich hatte er vor nicht allzulanger Zeit einen Löwen mit einem Speer getötet, hatte als Jugendlicher den Tag mit zwei Tassen Milch überstanden und bis zum Sonnenuntergang Rinder gehütet. Er hatte keinerlei Angst vor der großen Löwin, die noch auf unserem ersten Game Drive (so nennt man hier die Ausfahrt mit dem Geländewagen um Tiere anzuschauen) grollend um unser Auto spazierte. Andere Tiere schienen ihm gar nicht mehr aufzufallen wie z.B. die eigenartigen, Hühnchen-artigen Vögel, die ständig in letzter Sekunde von unserem Auto wegliefen. Ich hatte fast Angst, er würde mal eines überfahren und fragte ihn, ob er dann nicht Ärger mit der Parkaufsicht bekommen würde. Nee, sagte er, die Vögel würden eh immer in letzter Sekunde weglaufen. Sie könnten zwar auf fliegen, aber „they are too lazy to fly“. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich James hier bewegte wunderte mich etwas. Aber erst als er uns Abends im Camp erklärte, dass dies alles - bis zur Grenze Tansanias und darüber hinaus - Gebiet der Masai wäre und das im Camp zu 80% Masai arbeiten würden, dass Fächer hier zwar Hotels bauen dürften, aber nur nach Vorgaben der Masai und auch nur in der Menge, wie es die Masai für richtig hielten wurde mir klar: James war kein Fahrer oder erlebter Führer: er zeigte uns seinen Lebensraum, sein Land und seine Tiere. Auf dem Weg über die „bumpy roads“ zum Camp erklärte er uns: Respekt müsste man vor den Tieren haben, erklärte er uns. Aber auch hier wieder in fast beiläufigem Ton und ohne eine Moralkeule zu schwingen. Es war für ihn einfach eine Selbstverständlichkeit, die er einmal erwähnte. Die ganzen Tage über zeigte uns James die Masai Mara bis zur tansanischen Grenze. Er selbst war zwar nicht mehr so euphorisiert wie wir, aber einen „Kill“ mitzuerleben und vor allem das Highlight einer Safari, die Querung von Tieren durch eine Furt, die sogenannte „migration“ zeigen zu können versetzte selbst ihn noch in (gemäßigte) Erregung.

big five und ugly five

Geländewagen bei Löwen Sichtung
Geländewagen bei Löwen Sichtung

Die gefährlichsten Tiere im Busch seien die Nilpferde. Die Nashörner seien zwar auch gefährlich, würden aber so schlecht sehen, dass man ihnen - wenn man genügend Abstand hielte - gut entkommen könnte. James erklärte uns auch, dass es nicht nur die „Big Five“ sondern auch die „Ugly Five“ gäbe. Das „Pumba“ genannte Warzenschwein hatte die zweifelhafte Ehre in dieser Rangliste aufzutauchen, ebenso wie der Büffel, das Gnu die Hyäne und der Geier. Die Büffel, das gab James offen zu, fand er doof. Das Warzenschwein hieße übrigen deswegen „Pumba“, weil das das swahilische Wort für „dumm“ oder „Blödmann“ wäre. Die Pumbas hätten vor allem ein sehr schlechtes Gedächtnis: wenn ein Löwe sie angreifen würde und sie davon rennen müssten, hätten sie meist nach wenigen Sekunden bereits vergessen, warum sie eigentlich rennen würden. Dann setzten sie sich hin oder fingen an zu grasen. Der Löwe indes hatte natürlich längst nicht vergessen warum ER dem Warzenschwein hinterher gerannt wäre… Aber, fügte er hinzu, es gäbe auch wirklich genügend Warzenschweine.


Was James übrigens wichtig war, war Pünktlichkeit. Als wir am Ende des Tages todmüde ins Camp zurückgekehrt waren, sagte er uns, dass er am nächsten Morgen gerne mit uns früh losfahren würde. Fünf Uhr aufstehen, kurzen Kaffe, und um spätestens sechs Uhr wäre es gut, wenn wir unterwegs wären. Uff… ich hatte mit Acht Uhr gerechnet. James sagte, wir könnten natürlich auch erst später losfahren, aber da würden wir dann viel verpassen. Denn die meisten Tiere wären morgens am aktivsten. Aber das sei natürlich unsere Entscheidung... Also gut.

 

 

die erste Nacht im Camp

kilimacamp.com
Unser Camp auf 1800m Höhe

Im Camp wurden wir vom Manager begrüßt, der es zwei Tage lang erfolgreich schaffte mit uns englisch zu reden obwohl er akzentfrei und grammatikalisch richtig Deutsch sprach. Mohammed hatte 15 Jahre lang ausgerechnet in Düsseldorf gelebt, war aber echter Kenianer. Hier oben, sagt er uns, wären wir auf 1.800 Metern Höhe. Unser Mückenzeug könnten wir getrost vergessen: hier gäbe es keine Mücken. Löwen, Giraffen und Geckos - aber keine Mücken.
Als wir nach dem Abendessen im Hauptgebäude des Camps saßen - einer Masaibehausung nachempfunden und zum Busch hin offen - erfuhren wir, was Ruhe und Einsamkeit wirklich war. Das Grillenkonzert, dass mit der Dämmerung einsetzte, endete um 23:00 Uhr und dann war es stockfinster und totenstill. Nicht wenige Angestellte würden die Einsamkeit und die Ruhe hier oben nicht verkraften erfuhren wir von Mohammed. Einige würden nach zwei Monaten wieder gehen weil sie es einfach nicht mehr aushielten. „Man muss hierfür gemacht sein. Der nächste Laden ist vier Stunden Fahrt entfernt, die nächste größere Stadt sechs Stunden.“

Die Luft war merklich abgekühlt und so frisch und rein, dass es tatsächlich auffällig war. Jetzt merkten wir auch, wie fertig wir waren. Wir wankten in unsere Unterkünfte: riesige Safarizelte, die aber alle Annehmlichkeiten hatten, die man in einem gemauerten Hotel erwarten konnte: bequeme Betten, ein Klo und eine Dusche. Alles mit Solarenergie betrieben (jedes Zelt hatte seitlich ein kaum sichtbares Solarpanel). Wir wussten zwar an diesem ersten Abend nicht, ob eine einfache Zeltwand wirklich beruhigend war, aber wilde Tiere erwarteten wir Nachts ohnehin nicht.

Das war natürlich falsch. Denn das Camp hatte „unfanced“, also ohne Zäune. Die Tiere könnten sich hier so bewegen, wie sie das wollten. Das sie das auch taten merken wir am ersten Morgen, als neben unseren Köpfen irgendwas schnaubte und wir glaubten Hufe zu hören. Als wir - es war um fünf Uhr Morgens noch dunkel - von unserem Zelt abgeholt wurden (es gab kein Licht und jeder Bewohner wurde bis 6:00 Uhr morgen von Mitarbeitern abgeholt und in die Haupthalle geführt) lagen überall sonderbare dunkle Bällchen: drei Metern neben uns hatte eine Herde Zebras gegrast und ihre Hinterlassenschaften schienen in der 15 Grad kalten Luft noch zu dampfen.

 

Full-Day Game Drive

Sonnenaufgang am Oloololo Gate
Sonnenaufgang am Oloololo Gate

Es war kaum Zeit für ein Foto vom Sonnenaufgang. Während unten im Buschland die Heißluftballons aufstiegen, gab es bei uns oben eine Tasse Tee oder Kaffee. James wartete schon etwas auf uns, schaute auf die Uhr und trieb uns an. Auf den holprigen Straßen vom Camp ging es los auf den ersten „full day game drive“. Ein Tagesausflug in die Masai Mara, auf der wir Löwen, Büffel, Pumbas, einen Vogel Strauss, Geier, Gnus und buchstäblich tausende Zebras sahen.
Wir bekamen schnell mit, dass James sich über Funk mit deren anderen Masai, die Touristen in den umgebauten Off-Road Fahrzeugen fuhr austauschte und so immer wusste, wo gerade was passierte. Die angeblich so aktiven Löwen lagen schlafend halb auf der Straße und hoben nur kurz die Köpfe um uns abfällig anzuschauen, drehten sich um und schliefen weiter. Die Zebras, Gnus und Antilopen waren allerdings schon unterwegs. Vom Auto aus konnten wir sie in Herden dicht am Auto vorbei laufen sehen. Weiter Richtung Tansania fuhren wir durch Herden von Gnus, deren Ende man nicht überblicken konnte. Der gesamte Horizont war voller Gnus während die ersten vor unserem Auto die Straße überquerten. Zehn Minuten fuhren wir an ihnen vorbei und durch sie durch und doch konnten wir kein Ende sehen.

Auf einer unwirklichen Fläche hielten wir. Weiter dürften wir nicht, denn hinter dem Stein würde Tansania beginnen - und die Serengeti. Einen Moment lang war ich etwas wehmütig - aber das ging schnell vorüber. Auch weil James sagte, jeder solle jetzt noch mal die Reifen prüfen. Die Reifen? „cheking the tires“ war - nun wussten wir das auch - nur ein Safari-Begriff dafür, pinkeln zu gehen. Man stellte sich hinter das Auto, erledigte, was zu erledigen war und dann ging’s weiter.



Fang eines Leopards
Fang eines Leopards

Wieder fuhren wir an Tierherden vorbei durch das Buschland, wurden durgeschüttelt und sahen neben den nun schon fast altbekannten Zebras und Gnus auch andere Tiere.

 

Auf einem Baum sahen wir eine tote Antilope und nun wurde auch James kurz etwas aufgeregt. Der Leopard, der das Tier erlegt hatte, müsse noch hier in der Nähe sein. Wir bekamen ihn zwar letztendlich nicht zu Gesicht, aber mich störte das nicht. Ein Baby-Zebra stand irgendwann neben unserem Fahrzeug und schaute neugierig hinein während seine Herde sich um es scharte, etwas nervöser als der neugierige kleine Kerl.


Ein großer Moment war eine kleine Elefantenherde, die direkt auf unser Auto zukam. James stopte, schaltete den Motor aus und dann hörte man über das Klicken der Fotoapparate wir fünf Elefanten langsam aber unaufhaltsam auf uns zukamen. Hinter der Leitkuh folgte ein halbwüchsiger und hinter dem ein sehr kleiner Elefant, der erst wenige Wochen alt sein konnte. Ihm folgte seine Tante (zumindest war das sehr wahrscheinlich) und gemeinsam zogen sie knapp hinter dem Autor vorbei. Der kleine Elefant hob den Rüssel und schien sich zu überlegen, ob er wohl mal näher kommen sollte, entscheid sich dann aber doch fürs weglaufen. Sein größeres Geschwisterlichen schnüffelte auch etwas und dann war die Großfamilie im Busch verschwunden.

Auch eine Löwin erlebten wir wenig später auf ihrem Weg am Auto vorbei. James zeigte und noch den „Looser Club“, eine Gruppe Gazellen, die keine eigene Herde hatte und als Gruppe von Junggesellen zwischen einigen Warzenschweinen und Pavianen friedlich grasten.

Die schiere Menge an wilden Tieren war erschlagend. Man konnte es kaum fassen, dass man an diesem Tage soviel Gnus, Zebras, Giraffen, Büffel und Löwen gesehen hatte, wie andere Menschen in ihrem ganzen Leben nicht, selbst wenn sie 20 Jahre lang einmal pro Woche in den Zoo gehen würden.

Bildergalerie: Ein Tag in der Masai Mara

Das Gefühl in einem gemütlichen Auto zu sitzen, die Sonne sich langsam den Baobabbäumen nähern zu sehen und dabei das Geräusch zu hören wie Elefanten durch kniehohes Gras marschieren ist in Worten nicht zu beschreiben. Den Geruch eines frischen Büffelhaufens zu riechen (der tatsächlich würzig erdig und irgendwie gut riecht) um sofort danach von den Tieren umringt zu werden (einer rülpste woraufhin James’ trockener Kommentar lautete „that’s a male!“ (das ist ein Männchen/Bulle).

Auf der Rückfahrt kamen uns die Ballonfahrer entgegen, die bereits um vier Uhr gestartet waren und für dieses sicherlich unbeschreibliche Erlebnis pro Kopf 800$ bezahlt hatten. Auch unser Camp war selbst für die Verhältnisse der britischen Reisenden ziemlich teuer. Aber das Geld - so versicherte uns James - kam dem Nationalpark zu Gute. Auch die Eintrittspreise in den Park kam dem Erhalt der außergewöhnlichen Landschaft zu Gute. Spezielle Tore wie das Oloololo Gate, durch das wir jeden Tag den Park betraten nahmen ebenfalls Eintritt. Das allerdings war in den Preisen für unsere Übernachtungen und die Game Drives schon enthalten. Die Verhaltensregeln galten trotzdem - und wie wichtig das den Rangers war konnte man daran sehen, dass es die in gedruckter Form in sechs Sprachen gab:

Flussüberquerung hunderter Gnus und Zebras
Flussüberquerung hunderter Gnus und Zebras

Besonders interessant ist der Zusatz, den man nach den zwei ** findet: FLussüberquerungen sollen nicht durch die Fahrzeuge der Camps blockiert werden. Insbesondere diese auch als "Migration" bezeichneten Wanderungen sind besonders eindrucksvoll, da die Tiere dort unter höchstem Stress stehen und unter lautem Geblöke und mit ziemlicher Geschwindigkeit durch ziehen. Grund dafür sind die Krokodile, die am Rand, halb verborgen im Wasser, lauern.

 

Genau dieses Abstandhalten der Autos um die ohnehin schon gestressten Tiere nicht noch weiter zu verunsichern wurde nicht eingehalten. Die Tiere mussten sich förmlich durch die Autos durchzwängen und als noch mehr Fahrzeuge kamen, kehrte ein Teil der Gnus und zebras wirklich wieder um. Unser James betrachtete das zwar selbst mit zusammengezogenen Augenbrauen - etwas dagegen unternehmen konnte aber auch er nicht. Ob er es gemacht hätte - ich weiß es nicht. Mitunter kam es mir so vor, dass die Regeln zumindest immer mal wieder gebogen wurden. Die Masai suchen einen Mittelweg aus zufrieden gestellten Touristen und nicht zu seh bedrängten Tieren. Aber die 25 Meter Abstand, die man halten sollte, wurden häufer nicht eingehalten. Man konnte auch sehen, dass sich James und die anderen Masai im Buschland immer mal wieder nach den patroulierenden Rangern umschauten. Die gab es nämlich durchaus (fotografieren durfte man sie, ebenso wie Polizisten auf gar keinen Fall). An unserem Full-Day Game Drive, gerade während wir Mittagspause machten, "besuchte" sie uns. Bis heute frage ich mich, warum James das machte, was er nun machte: er griff in die Kühlbox und holte für jeden der Ranger eine Flasche Cola raus, fragte uns, was wir von unserem mittagessen nicht mehr haben wollten (Ingwerkekste und Yoghurt) und drückte es den Rangern in die Hand. Was diese Szene bedeuten sollte, darüber rätselte ich Abends noch eine Weile. James fragen wollte ich nicht, da man nie so genau weiß, ob man nicht doch den Stolz verletzt oder ein Tabu bricht. Es scheint mir aber so, als sollte das eine Geste der Besänftigung oder gar eine Form von milder Bestechung sein. Vielleicht dafür, dass bei den Flussüberquerungen mal hin und wieder ein Auge

Flussüberquerung hunderter Gnus und Zebras
Flussüberquerung hunderter Gnus und Zebras

zugedrückt wird oder mal nicht so genau hingeschaut wird.

Natürlich wollten die Fahrer der Geländewagen in erster Linie dafür sorgen, dass die Touristen genau die Erlebnisse erfahren würden, von denen sie zu Hause geträumt hatten. Und in der Tat war die Flussüberquerung hunderter Gnus ein absolut beeindruckender Moment. Nun bin ich kein Tierschützer und auch nicht besonders ökologisch freidenkend geprägt, aber wir in unserem 200 Meter entfernt stehendem Auto haben die Migration ebenso gut sehen können. Und selbst wenn nicht: wie Campmanager Mohammed uns am Vorabend gesagt hatte: die Tiere waren zuerst da - dann erst kamen wir. Also: zeigt Respekt.

 

 

 

zurück im Camp

Wieder zurück im Camp saßen alle Gäste (so ungefähr 20) um ein großes Lagerfeuer, bekamen leckere Snacks und Getränke und jeder unterhielt sich in kindlichem Überschwang darüber, was er heute alles gesehen hatte. Als schließlich Mohammed mit einer kleinen Klingel kam und verkündete „Dinner is ready“ waren einige schon fast zu müden um aus den Safaristühlen aufzustehen.

Nach dem Essen kam James an unseren Tisch und besprach die morgige Planung. Es würde wieder ein Tag voller wilder Tiere und bisher nie erlebten Momenten geben. Jede Minute des Game Drives zu beschreiben würde nicht gehen. Selbst

Flusspferd im Busch
Flusspferd im Busch

jetzt, über zwei Wochen nach der Safari fühle ich mich noch überwältigt. Dass wir keinen Leopard und Gepard gesehen haben, ist mir tatsächlich egal. WIr haben Schakale, Hyänen und sogar aus der Ferne eines der zehn Flusspferd, die es rund um das Oloololo Gate gibt gehen - wer kann das von sich behaupten? Ich finde es dekadent zu glauben, dass einem alles auf dem Silbertablett präsentiert wird und man sich wohlmöglich noch beschweren könne, sollte man eines der Big Five nicht zu Gesicht bekommen haben. WIr haben tausende Tiere gesehen - ein Leopard oder ein Gepard war nicht darunter. So what? Doch da der Safaritourismus auf Grund seines hohen Preises viele Besserverdienende und Reiche anzieht, gab es auch in unserem Camp Touristen, denen ich fassungslos gegenüber stand. Während des Game Drives wurde mit gesenktem Kopf auf dem Handy rumgedaddelt, lautstarke Unmutsäußerungen, wann wir denn nun endlich einen Leopard zu sehen bekämen oder gelangweiltes Gepfeife kamen vor allem von einem hageren Briten mit hochgestelltem Kragen. Das einzige, was ihn auf unserer letzten Tour interessierte, war der Moment, in dem wir Zeuge der Flitterwochen eines Löwenpaars wurden. Ein zotiger Spruch nach dem anderen, dummdreistes Gelache und andere anzügliche Kommentare wurden nur noch davon getoppt, dass der Blödmann auf die Erklärung des Guide, Löwenweibchen würden immer unten liegen, auf seine asiatische Freundin zeigte und krakelte "just like you do!". Gott sei Dank hatten wir nur am letzten Tag diesen Vollpfosten mit an Bord. Die Tage davor lernten wir Jannine und Raj kennen, ein ebenso dankbares Paar aus England, dass ebenso fasziniert und überwältigt von der Tierwelt waren wie wir.

 

Safari Zelt
Safari Zelt

Abends fielen wir erneut ins Bett - diesmal um kurz nach Neun. Ich glaube, seit ich sechs Jahre alt war bin ich nicht mehr so früh ins Bett gegangen. Was mich allerdings  die letzte Zigarette dann auch etwas schneller rauchen ließ, war das langgezogene Jaulen, dass da irgendwo aus der Dunkelheit kam - und das sich zu nähern schien. Unter den Wolldecken - es war bereits unter 15 Grad kühl - hörte ich diese Geräusche noch einige male. Ich wachte sogar irgendwann um vier Uhr auf und hörte es direkt auf der kleinen Veranda vor dem Zelt. Als ich einen der Masai am nächsten Morgen fragte, was das gewesen wäre (und stümpferhaft das Geräusch immitierte), sagte der sofort, dass das mindestens eine Hyäne gewesen wäre. Im Zelt wäre man vor denen sicher (das hörten wir immer wieder und ich glaubte es auch), aber in freier Wildbahn uns insbesondere Nachts wäre mit denen nicht zu spaßen. Die Kiefergelenke der Hyänen seien so kräftig, dass sie den Kopf eines Menschen problemlos zerbeißen konnte. Aber auch Elefanten seien insbesondere Nachts gefährlich. Auch die Dickhäuter können Nachts nur schlecht oder gar nichts sehen - und das bedeutet, dass auch GEfahren von Löwen und anderen Raubtieren schlechter oder gar nicht erkannt werden können. Potentiell ist dann alles, was sich auf sie zubewegt erstmal gefährlich. Selbst die Masai bewegen sich Nachts nicht aus ihren Behausungen heraus, wandern auch nicht durch die Steppe sondern machen große Wege zu Fuß nur bei Helligkeit. Die Masai Mara - so gut sie auch touristisch erschlossen ist - ist immer noch das Gebiet der Tiere Kenias. Die Masai sind darauf stolz. Und insbesondere in der Region, in der unser Camp lag, schien es menschenleer zu sein. Denn die touristische Erschließung wird immer stärker reglementiert und eingedämmt. Zwar haben sich die Tiere längst daran gewöhnt, dass Autos und Menschen in ihrer Nähe sind und es stört sie - laut James' Aussage - auch nicht, trotzdem ist die Masai Mara ein Schutgebiet für Tiere.

 

 

Blick vom Camp ins Buschland
Blick vom Camp ins Buschland

Früher wurden die Tiere von den Masai angefüttert. Und auch wenn James es nicht so direkt sagte: diese Ära war wohl im Rückblick keine glorreiche für die Wildhüter und Touristenführer. Deswegen wurde das auch wieder eingestellt. Wie wild die Tiere rund ums Oloololo Gate und bis zur Purungat Brücke wirklich sind, oder wie gewöhnt sie an Touristen sind, vermag ich nach dreieinhalb Tagen dort nicht zu sagen. Die Schakale und Warzenschweine nahmen immer noch reißaus von uns. Die Elefanten, Löwen und Zebras allerdings scherten sich meist gar nicht um uns. Auch die Affen und die sonderbaren Renn-Hühnchen nahmen kaum noch Notitz von uns ebenso wie die Büffel. Es ist wohl auch müßig als Kurzzeittourist erhausfinden zu wollen, was authentisch ist und wo nachgeholfen wurde. Ich hatte aber - im Gegensatz zu den folgenden knapp zwei Wochen auf Sansibar - die Eindruck, dass die Masai einen sehr guten Weg gefunden hatten einerseits den Touristen etwas zu bieten und andererseits ihr "Wohnzimmer" in einem Zustand zu belassen wie er sein sollte. Die Gelassenheit und die beeindruckende Mischung aus Bescheidenheit und Stolz der Masai, die nicht nur zugänglich sondern selbst sehr offen auf uns zugingen war schön zu erleben. Auch das Camp, dass nahezu autark war, Regenwasser sammelte, Strom durch Solar gewann und mit Biogas (gewonnen aus Büffel- und Zebradung) kochte hat mich sehr beeindruckt. Im Nachhinein habe ich mir gedacht, dass die Kosten für eine Safari wohl auch deswegen so hoch gehalten werden damit es sich nicht jeder leisten kann. Bis zu 480$ kostet der Aufenthalt pro Person in den großen Zelten. In der Nebensaison und in einem kleinen Zelt kostet die Nacht 250$. Die Pirschfahrten, Parkgebühren und "Conservancy fees" für das Naturreservat "Mara Conservancy" kosten extra. Ebenso der Transfer vom Airstrip und zurück und natürlich der Flug von Deutschland bis in die Steppe. Selbst wenn man es günstig hält, kostet eine Woche Safari 2.000€ und mehr. Gerade für vieler der zurecht auch im Ausland aus geizig gelten Deutschen ist das zu viel. Uns wäre es auch zu teuer gewesen - aber nachdem wir es nun erlebt haben, weiß ich, dass es sich lohnt. Geld verdient man; es kommt und geht. Aber die Erfahrung einer Safari bleibt fürs ganz Leben.

Asante sana, Masai Mara

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