"Neanderthal" - Jens Lubbadeh

Die Grundidee zu Jens Lubbadehs zweitem Roman nach "Unsterblich" ist faszinierend: was wäre, wenn es der Menschheit endlich gelungen wäre, dass, wofür sie sich sich fürchtet, nämlich das Leiden an Krankheiten und Gendeffekten, aus dem Erbgut entfernt zu haben? Die Menschen würden länger leben, sie wären nur Gesund und Pflegeheime wären überflüssig.

Diese ganze Welt scheint ins Wanken zu geraten - zumindest für Komissar Nix. Den der steht vor der Leiche eines jungen Mannes, der - obwohl nicht lange tot und jüngeren Alters - alle Merkmale eines Neandertalers aufweist. Wie kann das sein? Wie kann der Mensch, der gerade dachte, er hätte eine weitere Entwicklugnsstufe erreicht sich plötzlich zurück entwickeln?

Der Wissenschaftsjournalist Lubbadeh, der mit "Unsterblich" einen aufrüttelnden, innovativen dystopioschen Roman geschrieben hat, hat hintergründig recherchiert. Als Journalist ist er es gewohnt, wissenschaftliche Huntergründe herauszufinden und zu hinterfragen, diese aber gleichzeitig in allgemeinverständliche Worte zu kleiden und dem Leser so auch schweirigere Fakten verständlich zu machen. Das ist dem Autor gelungen, auch dieses mal. Schon Lubbadehs Erstlingswerk war keines, dass durch überfrachtete Settings zurückgreifen musste, dass mehr Action als Geschichte bot. Auch dies ist Jens Lubbadeh in "Neanderthal" gelungen. Er ist ein Autor der eher leisen Töne; zuweilen fast nüchternd in seiner Schreibweise und bewusst auf grelle Knalleffekte verzichtend.

Neben Komissar Nix gibt es noch den blinden Wissenschaftler Max, der alleine schon deswegen Außenseiter ist, weil er eben nichts sehen kann. Für die von Lubbadeh gemalte Welt fast schon empörend und archaisch. Seine Begleiterin Sarah, für die es eher die aufbrausende Natur Max' und nicht diessen fehlendes Augenlicht ist, macht wiederum gerade das den Reiz aus: Max ist ein Mensch, der auf Optimierung verzichtet hat, authentischer und ungeglättet daher kommt. Die Beziehung zwischen den beiden ist eine echte, die auf Tand und schmückendes Beiwerk verzichtet. Die Zwischenmenschliche Komponente konnte Lubbadeh trefflich erzählen.

Alleine mit dem Rest der Geschichte hatte ich als Leser Probleme. Nicht nur dass sich Passagen zogen - das hätte ich verkraften können. Doch die teils aprupten Brüche in der Geschichte und vor allem die Exkurse, die ganz andere Themen aufwarfen, so plötzlich in eine andere Richtung gingen wie sie wieder endeten haben mich sehr gestört. Die Geschichte wirkt alles andere als rund. Es schien mir, als hätte der Autor zwischendrin neue Ideen gehabt, diese einbauen wollen und dann och wieder zur ursprünglichen Geschichte zurück gewollt.
Auch ändern sich die Protagonisten zu Momenten in der Geschichte, wo es weder erwartbar noch - in meinen Augen - sinnvoll war. Plötzlich fehlte mit dem Wegfall eines Protagonisten das Rückrat der ganzen Story. Ab diesem Moment war das Buch für mich tot. Nicht weil ich diesen Protagonisten so toll gefunden hätte, sondern weil die Geschichte mit ganz anderer Stimmung weiterging. Die Atmosphäre war zerstört und es gelang mir nicht, mit der nun "neuen" Geschichte zurecht zu kommen.

 

Auch wenn ich die Art zu Schreiben und die Mischung aus wissenschaftlichem Ansatz, Sozialkritik und Thriller, die Lubbadeh hier und bereits in "Unsterblich" schuf sehr schätze, hat dieses Buch für mich so gewirkt, als wäre es eine Rohfassung, die noch nicht in Form gebracht worden war.



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