»Dunkle Ziffern«

Diana Kinne
Diana Kinne

Ohne große Erwartungen aber mit Spannung habe ich gemeinsam mit Anja von Aennysbooks die Lesung zur Anthologie „Dunkle Ziffern“ (Edition Roter Drache) im Rahmen von „Leipzig liest“ besucht. Ich wusste nur, dass der Erlös des Buches dem Verein Dunkelziffer e.V. - der Jungen und Mädchen hilft, die sexuelle Gewalt erfahren haben, so die Website - zu Gute kommen würde. Das dieser Abend die emotionalste Lesung bieten würde, die ich jemals besucht habe, wusste ich da noch nicht. 
Eigentlich bin ich kein großer Fan solcher Charityveranstaltungen, da sie mir oftmals zu plakativ und zu schrill in ihrer Empörung sind. Aus diesem Grund verlinke ich hier Dunkelziffer e.V. auch nicht - wer sich dafür interessiert, wird den Verein auf jeder Suchmaschine sofort finden.

Aber zurück zu Anjas und meiner ersten Lesung dieser Buchmesse: da ich von den Herausgeberinnen Isa Theobald und Fabienne Siegmund tolle Geschichten gelesen habe und auch Diana Kinne ein bekannter Name in der Phantastiklandschaft ist, war ich neugierig. Besonders aber deswegen, weil Fabienne Siegmund auf der Messe schon zu uns gesagt hatte, dass die Geschichten keine wären, die den Leser nur mit schlechtem Gefühl zurücklassen würde. 

Als wir am frühen Abend das „Vorkaria“ in der Leipziger Gottschedstraße betraten, merkten wir relativ schnell, dass dies eine Lesung der besonderen Art werden würde. Die Stimmung setzte sich aus einer Mischung von Freude, Nervosität und etwas anderem zusammen, dass schwer zu beschreiben ist. Es hatte etwas von positiver Traurigkeit auch wenn das kaum eine treffende Beschreibung sein kann. Relativ schnell war klar, dass die Besucher fast alle Autoren der Anthologie und ein enger Kreis von Menschen, die sich damit verbunden fühlten waren - die meisten in schwarz gekleidet (nur Tom Daut wies darauf hin, dass er ein T-Shirt trug, dass entfernt die Farbe überreifer Himbeeren hatte).

Isa Theobald
Isa Theobald

Moderiert wurde der Abend von Isa Theobald, die bereits zu Anfang noch bevor es losging mit den Tränen kämpfte. Vier Autoren lasen Teile aus ihren Geschichten und spätestens jetzt war auch uns unbedarften Zuschauern klar, dass dies keine normale Anthologie war. Sicherlich sind die eigenen Geschichten für Autoren etwas wichtiges und emotionales - was aber in diesem Fall an Emotionen transportiert wurde, ging über alles hinaus, was ich bisher in Lesungen erlebt habe. Man merkte jedem der Vorlesenden an, dass es hier um mehr ging als nur um Literatur, um mehr als nur eine Geschichte. Nicht nur daran, dass die Geschichten weder laut noch grell sondern das genaue Gegenteil waren (sie alle versprühen die Stimmung, die auch im Saal herrschte) sondern auch weil man jedem der Autoren und jedem der Storys anmerkte, dass sie eine Herzensangelegenheit waren. Fast hatte man den Eindruck, die Autoren hätten die Geschichte - auf einer diffusen Ebene - nur für sich selbst geschrieben. Trotzdem oder eher gerade deswegen rührten die Geschichten umso mehr. Sie verzichteten auf marktschreierische Anklagen, auf Rufe nach Gerechtigkeit oder Vergeltung - sie erzählten vor allem von dem, was sie nicht laut sagten. Wie etwa vom Monster unter dem Bett (Tom Daut) oder dem schmierigen Musikmanager (Lucie van Org).

Gerade letztere beschrieb diesen Musikmanager auf so eindrückliche und realistische Weise, dass man diese Figur sofort bildlich vor Augen hatte. Als Lucie van Org noch Lucielectric hieß und die Charts mit „weil ich ein Mädchen bin“ stürmte gab es solche Manager ebenso wie es sie heute und vor 30 Jahren gab. Solche Männer, die mit ihren jovialen Art und ihrem unerschütterlichen Selbstbewusstsein der Meinung waren, sie wären das Zentrum der Welt - und könnten sich alles herausnehmen. Lucie van Orgs Geschischichte zeigte auf perfekte Art und Weise, dass (sexuelle) Dominanz bereits verbal beginnt und nicht erst mit körperlichen Attacken.

Auch die anderen Geschichten hatten eine Mischung aus Dunkelheit und Licht, um es etwas pathetisch auszudrücken. Alle der vortragenden Autoren kämpften mit sich und vielleicht - schon wieder zu viel Pathos - mit den fiktionalen oder menschlichen Dämonen.

Ich erinnerte mich an Fabienne Siegmunds Worte darüber, dass die Storys keine negativen Enden haben würden. Und tatsächlich gelang es den Autoren Mut zu machen und gleichzeitig darüber zu berichten welche schrecklichen Erfahrungen von Menschen jeden Tag gemacht werden. 



Als letztes betrat eine Frau die (eigentlich nicht als solche zu bezeichnende) Bühne, die von Diana Kinne mit viel Wärme und Zuneigung als diejenige vorgestellt wurde, deretwegen diese Anthologie geschrieben wurde. Gemeinsam mit ihrem Mann betrat sie die Bühne und spätestens jetzt waren kaum noch Augen trocken. Auf ebenso bewegende Weise wie sie vorgestellt worden war, bedankte sie sich bei den Herausgeberinnen, überreichte Geschenke und dankte ihrem Mann, der mich persönlich an diesem Abend am meisten rührte. Warum, das weiß jeder der da war und denen, die es nicht waren vermag ich es nicht zu beschreiben.

Nochmal möchte ich sagen, dass ich das plakative, politisch korrekte Gutmenschensein in seiner so oft betriebenen und ermüdenden Natur ablehne. Für mich hat es zu oft zu viel Effekthascherei und etwas von einem sich Verstecken. Was aber an diesem Abend in Leipzig passierte, war wirklich rührend und berührend. Auch, nein: gerade weil ich den Eindruck hatte, diese Lesung wurde für die Wissenden und Eingeweihten gehalten - ohne lautstark demonstrierter Trauer sondern einfach der Sache wegen. 



Auf der Lesung wurden besondere Ausgaben von „Dunkle Ziffern“verkauft (siehe Foto), die ein eine Applikation auf der Front hatten; Anja und ich haben uns beide eine Ausgabe gekauft. Während der Messetage bin ich nicht dazu gekommen das Buch zu lesen, es wird auch keine Rezension dazu geben. Denn mir ist dieser Artikel wichtiger und ich denke es ist klar geworden, wie bewegend die Geschichten sind.



Auch für mich, der keinerlei Erfahrungen solcherart machen musste, war es die emotionalste, traurigste und gleichermaßen positivste Lesung, auf der ich war. Als ich mich danach bei Diana Kinne, Isa Theobald und Fabienne Siegmund für den Abend bedanken wollte, musste ich die richten Worte suchen. Den Abend als „schön“ zu bezeichnen erschien mir nicht als passend. Aber doch, das war es, versicherte mir Diana (oder waren es Fabienne oder Isa?).

 

 

Ja, es war ein schöner Abend.


 

 

Das Buch im Verlagsshop:

»Dunkle Ziffern«

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Napolde (Mittwoch, 27 März 2019 14:42)

    DANKE für diesen wundervollen Bericht! :)

  • #2

    Elfen Leilani (Mittwoch, 27 März 2019 16:19)

    Danke dir du Lieber, für diesen Bericht. Ja es stimmt ich mag die Geschichten von Fabienne Sigmund sehr, und nun da sich um eine wahre Geschichte handelt mag auch ich diesem Buch eine Stimme geben und deswegen werde ich es mir kaufen. Schade, dass ich nicht bei der Lesung dabei sein konnte. Lieber Gruß

  • #3

    Anja (Mittwoch, 27 März 2019 22:59)

    Hey,
    als wir zu dieser Lesung gingen war ich fest davon überzeugt, dass ich nicht so emotional gebannt zu werden. Ich wurde eines besseren belehrt. Ich war tatsächlich zu Tränen gerührt und das nicht, weil ich einige Autorinnen dieses Buches schon vorher kennen und mögen gelernt hatte (tolle Menschen) - nein, weil sie durch ihre tolle Art zu schreiben und auch die herzanrührende Art (und eben nicht perfekt sondern teilweise mit brüchiger Stimme und den eigenen Worten icht mehr mächtig) zu lesen mich gepackt haben. Ein wundervoller Abend mit tollen Leuten, mit super tollen Schreibfähigkeiten zu einem sehr traurigen Thema, ws aber sehr geschickt verpackt wurde. Danke, dass ich daran teil haben konnte und Florian ein toller Bericht...