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»Zwergenbinge« von Norman Liebold - alles andere als nur eine Zwergengeschichte

»Zwergenbinge« ist die Geschichte eines ehemaligen McKinsey Managers, der ins Zwergenreich gerufen wird um dort den Optimierungsbedarf zu prüfen. 

E-Manager Peschke, der sich eigentlich aus dem Haifischbecken der Unternehmensberater zurückgezogen hat und idyllisch im Hunsrück lebt, hat eines Abends Besuch von zwei Zwergen. Diese berichten ihm zwar nicht viel, aber doch soviel: Zwergenbinge, das unterirdische Reich läuft nicht mehr so ganz richtig. Man hat sich geeinigt, Hilfe von außen (in Fall der Zwerge: von oben) zu holen. Nach einiger Bedenkzeit willigt Peschke ein und wird - begleitet von den beiden Zwergen - nach Zwergenbinge gebracht; einer Art Höhlensystem, das aus fünf Höhlen besteht. Es dauert nicht allzugange und Peschke findet heraus, dass dieses System analog zu den Menschenstädten angelegt ist: es gibt Wohnbereiche, Industrie- und Verwaltungsbereiche. Geführt wird das ganze von einem Rat, der aus verschiedenen Zwergen besteht, die wiederum unterschiedlichen Kasten bzw. Gesellschaftsgruppierungen entstammen. Und Peschke wird nach einer Weile auch klar, in was er da wirklich reingeraten ist. Denn der strahlenden Optimierer, der mit Segnung des Zwergvolkes hübsch in einem kleinen Häuschen am See wohnt gerät er schnell in ganz andere Gefilde und das Zwergenreich verliert an Glanz…

 

Vorneweg: Norman Liebold verankert die wenigen Szenen der Obenwelt (der Welt der Menschen also) dort, wo er selbst lebt: in dem Dörfchen Abentheuer im Hunsrück. Zwergenbinge, die Stadt unter der einstigen (und bis heute zu besichtigen) Eisenhütte der Menschen, könnte wohl überall sein. Der unbedarfte Leser ahnt erstmal nichts böses; er stellt sich auf eine atmosphärisch passende, stimmungsvolle Fantasygeschichte mit Zwergen ein - und anfangs kommt er damit auf seine Kosten. Bis ihm nach und nach schwant, dass der Autor etwas ganz anderes vorhatte. Und irgendwann macht auch der Satz aus dem Klappentext Sinn, der da lautet:

 

„Ein verzaubertes Abenteuer zwischen »Der Hobbit« und Marx‘ »Kapital«“

 

Auch wenn der Klappentext ansonsten irreführend ist und etwas anpreist, was so gar nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat (in einer Weise, wie ich es bisher nur von Heyne Klappentexten kenne), ist es doch dieser eine Satz, der seine Wahrheit im Laufe der Lektüre des 256 Seiten starken Buches voll entfaltet. Fabelwesen gibt es keine, Hobbits oder andere kleinwüchsige Oberweltbewohner auch nicht und irgendwelche erhebenden Ritte auf Drachen auch nicht. 

Als bibliophiler Mensch, bei dem das Gehirn leider mitunter aussetzt wenn es besonders ausgefallene oder seltene Bücher zu erkennen glaubt, habe ich das Buch blind gekauft als der Autor selbst mir von einer auf sieben Exemplare beschränkten Sonderausgabe berichtete, die er selbst in Leder einbinden, punzieren und verzieren würde. 120,-€ sollte die kosten und ich habe an diesem winterlichen Abend in Koblenz sofort zugeschlagen. Anfang April schickte mir Norman das Buch dann zu - ich durfte vorher entscheiden, wie ich die Einband gestaltet haben wollte und bekam ihn auf die Weise gemacht, dass ich den Einband komplett entnehmen konnte um ihn als Umschlag für Notizhefte weiterverwenden zu können (was ich auch getan habe; das Buch in seinem von Verlagsseite ausgeliefertem Hardcover-Zustand steht alleine im Regal und ich werde demnächst Papier schöpfen um mit Fadenheftung ein angemessen handgefertigtes Notizbuch zu machen). 
In einem Video zu besonderen Büchern stelle ich dieses Sonderexemplar von »Zwergenbinge« ebenfalls kurz vor. Aber nun weiter zum Inhalt: 


Auch der Spoilerpolizei sei gesagt: ohne mehr zu verraten kann man nicht das einzigartige dieses Romans beschreiben. Dies liegt nämlich mitnichten in einer puren Fantasygeschichte sondern in einer Wasabi-scharfen Gesellschaftskritik, vor allem aber in einer systematischen Kritik kapitalistischer Gesellschaften. Was Norman Liebold den Menschen Peschke in der Welt der Zwerge erleben lässt, ist nichts anderes als eine Analogie. Mit der Freiheit eines Schriftstellers - und mit eindrucksvollen Zeichnungen, die der Autor selbst anfertigt - beschreibt der Autor, wie jemand in den Sog der kalten, empathielosen Bürokratie geraten kann, welcher Teufelskreis aus schlechter Arbeit, die zu niedrigem Sozialstand führt und jenem Sozialstand, der nie ein Aufsteigen im Job ermöglicht einen Menschen an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus führen kann. 
Zwar gibt es Blutmagie, die eine körperlich schmerzhafte Bestrafung all jener Zwerge (und Peschke) ermöglicht, die sich nicht an die Regeln des Systems halten - aber ansonsten ist das von Norman Liebold beschriebene System kaum verschieden von unserem - oder zumindest einer linken Betrachtungsweise desselbigen. Er vergisst noch nicht mal auch dem Zwergenreich eine Art HartzIV oder Grundsicherung zu geben, die gerade so ausreicht um zu überleben.


Das alles sind linkspolitische Thesen, die ich in Romanen und in der Phantastik nicht lesen möchte. Im Alltag wird man von den Nachrichten praktisch täglich mit diesen Themen bombardiert - ich persönlich oute mich als jemanden, der bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen endlich mal in Ruhe gelassen wird. Und ich ertappte mich auch bei der Lektüre immer wieder dabei, dass ich innerlich die Augen verdrehte in der Erwartung der nächsten Erlebnisse Peschkes. Aber Norman Liebold gelingt es auf eine Art und Weise diese Sozial- und Gesellschaftskritik rüberzubringen, die weitestgehend auf mahnende Zeigefinger und moralisch überhebliche Überlegenheit verzichtet.
Auch findet der gebürtige Sachse Liebold ein Ende, dass versöhnlicher ist, als es insbesondere das letzte Drittel des Buches vermuten lassen würde. 

Ganz nebenbei - und das wirklich dezent und ohne Polemik - erinnert der Autor daran, was die Natur bedeutet und den Menschen / Zwergen geben kann, wenn man sie nur lässt, wie ertüchtig sie früher mal betrachtet wurde und wie sie heute in Vergessenheit geraten ist. 

Ich gebe offen zu: hätte ich vorher einer meiner ähnlichen Rezension gelesen - ich hätte das Buch nie angefasst. Wie oben beschrieben gehöre ich zu den Menschen, die die erdrückende Last der Mahnungen von Seiten der Politik und der selbst ernannten, fleischgewordenen Gewissen nur noch schwer hören kann. Aber ich bin froh, das Buch gelesen zu haben und damit auch ein Beispiel dafür, wie kritisch und aktuell Fantasy-Literatur sein kann. Für den an wohlfühl-Fantasy gewohnten Leser, bei dem Helden und Heldinnen, Magier, Zwerge, Orks und Stubenfliegen in einem allumfassenden Kampf verbunden sind, das Gute am Ende gewinnt und die Wege der Geschichte so ausgetreten sind, dass sie bereits kilometerweit in die literarische Landschaft gepflügt wurden, also für diese Personen wäre das Buch durchaus zu empfehlen. Sie würden es nur leider wohl zumindest irritierend finden - aber auch das käme, liebe Leser, auf einen Versuch an!

Norman Liebold auf einer LEsung in Koblenz 2019
Norman Liebold auf einer LEsung in Koblenz 2019

Worauf der Autor hinaus will, dass wird irgendwann offensichtlich. Linksgrünversifft mögen es die ganz Konservativen nennen, offenbarend die ganz Linken. Je nachdem welche Sicht man einnimmt mag beides stimmen. Aber Norman Liebold begeht nicht den Fehler, mit dem ausgestreckten Damoklesschwert auf den Leser zu zielen sondern lässt ihn als Beobachter einer anderen Welt die Geschichte erleben. Und das durchaus unterhaltend sowie auf sprachlich hohem Niveau. Vielleicht ist es gerade die entrückte phantastische Parallelwelt, die auch politisch weniger aktiven oder interessierten Menschen die Geschichte nahe bringen lässt.

 

Unbedingt zu erwähnen sind Norman Liebolds vielfältigen künstlerischen Begabungen. Er schreibt nicht nur sondern illustriert seine Werke häufig selbst. Wer ihn auf einer Lesung erlebt, der wird auch durch musikalische Einlagen des Autors (wie in Koblenz durch Klarinettenmusik) begeistert. Er braut die Tinte, mit der er schreibt selbst, er gießt Bronze selbst und ist ohne Zweifel jemand, dem Eintönigkeit ein Grauen ist.



Auf Norman Liebold wäre ich ohne seine Geschichte in den „Basement Tales“ nie gekommen. Ohne sprachfetischistisch unterwegs zu sein gelingt Norman Liebold in »Zwergenbinge« das, was ihn auch in seiner Geschichte »Parzifal« in den »Basement Tales« gelang: eine schöne, stimmungserzeugende Sprache, die ausgefeilt ist aber nicht aufgesetzt wirkt, erfüllend aber nicht pathetisch und dessen Geschichte trotzdem eine gute Geschwindigkeit hat. Liebold, der seine Manuskripte tatsächlich noch mit der Hand schreibt, ist sicher ein politisch denkend und schreibender Mensch. Wer »Zwergenbinge« liest, dem sollte das bewusst sein.

Ich würde auch nicht behaupten, ab jetzt nur noch systemkritische Fantasy lesen zu wollen, aber dieses Buch ist ein außergewöhnliches Beispiel für das „mehr“, dass Fantasy durchaus sein kann. Es lohnt sich zu lesen und schafft den Spagat zwischen klassischer, leicht düsterer und dem Alltag entrückter aber eben auch kritischer und mehr als realen Atmosphäre.

 Fünf Jahre schrieb der Autor an dem Werk. Er hat sich also nicht nur tief in die Idee eingelebt und hat sie ihn begleiten lassen - es zeigt auch, dass die Thematik keinstenfalls eine kurzlebige ist.
Wer »Zwergenbinge« tatsächlich nur als Fantasygeschichte lesen möchte, der hat das wichtige, einzigartige und hervorstechendste des Romans verpasst. Wer sich neugierig auf diese Art phantastischer Literatur einlassen möchte, den erwartet ein kritisches Buch, eine Fabel wenn man so will und ein Beitrag zur phantastischen Literatur, der zeigt wie Fantasy aussehen kann wenn sie nicht nur mit dem Gedanken an die Wirtschaftlichkeit des Buches geschrieben wurde.

 

 

 

 

Mehr zu und über Norman Liebold:                                                                                 Das Buch ist im Verlag "Edition Roter Drache" erschienen:

www.norman-liebold.com                                                                                                             https://www.roterdrache.org

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Angela (Sonntag, 21 April 2019 18:52)

    Ich habe "nur" die normale Ausgabe des Buches gelesen. Ich bin begeistert. Auch gerade weil man sich als Leser, sehr gut in die Gefühlswelt und Schicksale der Protagonisten hineinversetzen kann. Ich habe ein tieferes Verständnis für die gezwungenermaßen unbarmherzige und ungerechte Arbeit des Herrn Peschke als "Rakar" bekommen. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht - und hoffnungsvoll.
    Wie gesagt: Ich bin begeistert!