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»Die Geschichte der schweigenden Frauen« von Bina Shah - feministische Dystopie

Das letzte Buch, das ich mir auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig gekauft habe, ist die Gesellschaftsdystopie »Die Geschichte der schweigenden Frauen«, ein ursprünglich in englisch geschriebener  Roman der pakistanisch-stämmigen Autorin Binah Shah. Der Originaltitel »before she sleeps« würde direkter in die Geschichte einsteigen - und es wäre auch der Titel gewesen, den Bina Shah vorgezogen hätte - denn es geht in erster Linie um Sabine, eine junge Frau, die an Schlafstörungen leidet. Das aber ist lediglich eine Randerscheinung ihres Jobs als käufliche Frau. Sie allerdings eine Prostituierte zu nennen träfe es nicht richtig. Es geht zwar um Intimität nicht aber um Sex, nicht mal um Nacktheit. Was Sabine gemeinsam mit einigen anderen Frauen zahlungskräftigen Kunden bietet ist Nähe, vielleicht auch eine Art von Fallenlassen und Geborgenheit - absolut illegal und gefährlich in der Welt von Bina Shahs Dystopie.

Sabine lebt in der „Panah“, einem Stadtteil der fiktiven Metropole und Hauptstadt Südwestasiens „Green City“, die nach verheerenden Katastrophen neu konzipiert und gebaut wurde. Ein strenges, autokratisches System hat ihre Einwohner zu Produktionsstätten einer Art menschlichen Wiederaufforstung gemacht: Männer haben mehrere Ehefrauen mit denen sie möglichst viele Kinder bekommen sollen. Reichtum und Wohlstand wird nicht mehr an Bildung und  gesellschaftlichen Wert gekoppelt, sondern an die Reproduktionsfähigkeit. Oder einfacher ausgedrückt: je mehr Kinder eine Familie bekommt, desto mehr Unterstützung durch die politische Führung bekommt sie, desto wohlhabender und gesellschaftlich relevanter wird sie. Das Individuum ist dabei zweitrangig, fast irrelevant.

Green City und das politisch-gesellschaftliche System wurde von Männern erdacht, von Männern geleitet und steht bis heute unter der Kontrolle von Männern. Frauen sind Gebärvieh, haben keine Freiheit über sich und ihren Körper selbst zu entscheiden und werden von ihren Vätern regelrecht verkauft. Das führt - und zwar sowohl auf männlicher wie auch auf weiblicher Seite - zu einem gefühllosen Umgang miteinander, der von Ängsten, Druck und Konformitätswillen geprägt ist. Vielen Männern ist dieses System recht oder zumindest haben sie sich damit arrangiert - ebenso wie die Frauen, deren gesellschaftlicher Wert nach der Größe ihres schwangeren Bauches bestimmt wird und nach einer Geburt ebenso schnell auch wieder sinkt. Menschliche Gefühle, Zuneigung, echte Liebe spielen keine Rolle mehr - weder für Frauen noch für Männer. Beide Geschlechter sind gefangen unter der Doktrin der politischen Führungsriege. Bis auf diese leiden die meisten entweder still oder sind zu brutalen Opportunisten geworden.
 Und genau da setzt die Dienstleitung Sabines und ihrer Kolleginnen ein, die sich für dieses Leben als schattenhafte, von der Gesellschaft verborgene Gestalten bewußt entschieden haben.

Die Kunden Sabines geben viel Geld aus um für eine Nacht eben jener Gefühlskälte und Emotionslosigkeit zu entfliehen. Es geht nicht um Sex sondern um etwas, was in unserer Gesellschaft unter Paaren eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit ist: das gemeinsame nebeneinander Einschlafen, Berührungen und kleine Küsse. Sabines Kunden aber lechzen danach; es ist ihnen sogar weitaus wichtiger als Sex. Den können sie mit einer ihrer Frauen stets und ständig haben. Lust ist längst einer gewissen Gleichgültigkeit und Institutionalisierung gewichen, hat etwas abgestumpftes und kaum noch mit echter Liebe zu tun. Die Dienstleistung, die Sabine und die Frauen aus der Panah anbieten, bedient aber genau das emotionale und nicht (wie in unserer realen Welt) das körperliche. Natürlich ist auch diese Art der Zuneigung nicht echt. Aber sie ist perfekt gespielt und invertiert praktisch das, was käufliche Liebe in unserer Welt bedeuten würde.

Das Buch erzählt die Geschichten der Frauen aus der Panah - insbesondere Sabines Geschichte - und wie sie alle das geworden sind, was sie heute sind: Outlaws, die frei sind, weder Zwangs-Ehemänner noch eigene Familien haben außer dem kleinen Kreis der Panah Bewohnerinnen. Auch sie machen Abstriche und der Preis ihrer Freiheit ist auch bei ihnen das Fehlen von echter partnerschaftlicher Liebe.


Das alles würde nicht funktionieren, würden die Panah und ihre Frauen nicht von ganz oben geschützt. In aller Heimlichkeit ist es Reuben, ein der Führungsriege Zugehöriger, der dafür sorgt, dass alles glatt läuft. Bis eines Tages durch eine Verkettung unglücklicher Umstände (bei denen ein unerprobtes Mittel gegen Schlaflosigkeit und Alkohol eine Rolle spielen) Sabine auf offener Straße zusammen bricht. Sie kommt in ein Krankenhaus und nun droht alles entdeckt zu werden: ihr Leben außerhalb des kontrollierten Umfeldes, ihr Leben als illegale Dienstleisterin und ihr Leben als nicht-Verheiratete. Hilfe und vermeintliche Hilfe bekommt sie - aber sie weiß ebenso wenig wem sie trauen kann wie vor wem sie sich in Acht nehmen muss. Ein junger Arzt spielen fortan eine Rolle, ein Krankenpfleger und Reuben, der Mann aus der Führungsriege. 



 

Bina Shahs dystopisches Setting, der  unterdrückende Führungsstil, der vom verbissenen Wunsch getrieben ist, die Gesellschaft wieder aufzubauen, macht Angst und ist beklemmend. Eine Gesellschaft, in der das letzte private, nämlich die eigene Familie und die eigenen Gefühle überwacht und im Zweifel brutal zurecht gebogen werden ist weit von dem entfernt, was heute noch die letzte Bastion zu sein scheint, in die sich der Staat nicht einmischt. Aber wenn man genau hinschaut ist auch das nicht wahr, denn der Staat mischt sich auch in unserer Realität längst in die privateste aller Gruppen, die Familie ein. 



Nein, Bina Shah hat einen Roman geschrieben, der zu einem Teil Dystopie ist und zu einem anderen eine Art Thriller. Gerade der Thrilleranteil wird gegen Ende etwas verwirrend, da man nicht weiß, wem nun getraut werden kann und wem nicht. Aber das macht einen guten Thriller schließlich aus, auch wenn er nur Rahmenhandlung einer Gesellschaftsdystopie ist. Es geht um emotional verstümmelte Menschen. Zu einem großen Teil sind es die Frauen, die unterdrückt werden - aber auch Männer sind nicht mehr als Statisten des Regime.

 

 

"Ich wollte alle Charaktere in ihrer menschlichen Komplexität zeigen - und gleichzeitig zeigen, das Männer und Frauen gleichermaßen in ihren geschlechtsspezifische Rollenbilder gefangen sind"

 

 

Nach bewährtem Muster traut der Leser bald schon dem männlichen Personal (und auch einigen Frauen) nicht mehr. Der Roman hätte aber auch gut ohne das funktioniert und eine reine Gesellschaftsgroteske bleiben können; abwechslungsreicher und spannender wird das Buch dadurch aber in jedem Fall - vielleicht auch leichter lesbar für diejenigen, die mehr auf Thriller und weniger aus gesellschaftskritische Romane stehen. Sabine bei ihren nächtlichen Aufträgen zu begleiten, an ihrem Innenleben teilzunehmen und auch die verschiedenen Männer mitzuerleben, hätte mir vollkommen ausgereicht. Aber natürlich braucht ein Roman Entwicklung und die findet am besten dann statt, wenn der Alltag der Protagonisten grundlegend und jäh unterbrochen wird. 


 

Auf die Frage, ob sie glauben würde, Frauen wären weniger autokratische, diktatorische Führerinnen schreibt mir Bina Shah, dass die Geschichte gezeigt hätte, dass Frauen genau so rücksichtlose Herscherinnen sein könnten wie Männer. "Die Geschichte zeigt, dass weibliche Führerer genau so brutal vorgehen können wie Männer es tun. Margaret Thatcher und Indira Ghandi waren starke weibliche Führungsfiguren deren Wirtschafts- und Sicherheitspolitik ihre Gegener auf unterdrückende Weise niedergemacht haben. Man kann sagen, dass Machtmißbrauch weniger mit dem Geschlecht sondern mit den politischen Ambitionen und dem eigenen Charakter zu tun hat"

So schafft es die Autorin dann auch auf stereotype Männer-Frauen Beschreibungen zu verzichten und wo es doch passiert diesen zumindest Gegenentwürfe gegenüber zu stellen, die diese Muster durchbrechen wie etwa den jungen Arzt, dem Sabine im Krankenhaus begegnet. Auch wenn klar ist, dass man das System der Unterdrückung, das in diesem Buch beschrieben wird, auf männliche Ideen zurückführen kann und Frauen diejenigen sind, die schwerer an ihrer Bürde zu tragen haben als die Männer, sind auch jene letztlich Gefangene eines unmenschlichen Systems. Und mit der Figur einer Panah-Bewohnerin, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt und deren innere Verletzungen sie zu einer Gefahr für den Frieden der Panah machen, zeigt Bina Shah, dass es tatsächlich nicht nur eine Frage des Geschlechts ist, wer als Zerstörer der Freiheit agiert.

Um Religion geht es in diesem Buch übrigens nicht - auch wenn das aus westlicher Sicht immer der erste Gedanke ist, wenn Literatur von Autorinnen geschrieben wird, die  aus einem vermeintlich religiös geprägten Land stammen. Warum es keine Rolle in ihrem Buch spiele, habe ich Bina Shah gefragt. Ihre Antwort darauf: "Das Regime des Diktators Sadam Hussein war brutal - aber sekular. Die Türkei - eine Demokratie - hat eine sekulare Bevölkerung obwohl der religiöse Fundamentalismus eine starke politische Kraft ist. Tunesien, eine Semi-Demokratie, ist ein weiteres Beispiel für eine sekulare Nation deren Bevölkerung Muslime sind. (...) Diese Vorstellung eines islamischen Unterdrückungsregime ist kein Standard für den Mittleren Osten, aber es wurde durch den Iran und Saudi-Arabien populär - und natürlich durch den Aufstieg des IS im Irak und Syrien". So die Autorin.

 

 

"Ich wollte einen Roman schreiben, der in einer Zukunft spielt, in der Religion hinter Wissenschaft und Rationalität steht wie es in Europa der Fall ist aber auch die Tradition der sekularen Autokratien im mittleren Osten beibehalten."

 

 

 



Wie schon beschrieben hat Bina Shah darauf verzichtet, allzu plakativ das in der Realität bestehende System männlicher Überlegenheit anzuklagen, auch wenn deutlich wird, dass sie durchaus daran Kritik übt. "Ich vermute, mein Buch  ist in eine momentane literarische Bewegung reingeraten, die irgendwas mit der MeToo Debatte zu tun hat" und weiter: "Ich habe mir den Stempel 'feministische Dystopie' nicht selbst ausgesucht, aber ich bin zufrieden damit"

 

Wer als Mann nun die Augen verdreht bei dem Gedanken an feministische Literatur dem sei zweierlei gesagt: nicht jeder feministische Roman ist eine radikale Abrechnung mit Männern - wie überall gibt es auch in der Literatur Fundamentalismus und Ausgeglichenheit. Und zweitens: genderspezifische Stempel sollten nur auf Literatur gepresst werden, die bewusst auf ein Geschlecht abzielen. Hier taten Verlag und Autorin gut daran, nicht mit wehenden Fahnen einen Frauenroman anzupreisen. Denn das ist er nur zum Teil. Zum anderen, gewichtigeren Teil ist Bina Shahs Roman eine Geschichte über Unterdrückung und das, was die Verstümmelung der Emotionen bewirkt. Und das wiederum hat sowohl bei Frauen wie auch bei Männern verheerende Auswirkungen.

 

 

 

 

»Die Geschichte der schweigenden Frauen«
Bina Shah



Golkonda Verlag 2019

336 Seiten

aus dem Englischen von Anette Charpentier
22,-€ (gebundene Ausgabe)

 

 

danke an Jörg Benne fürs Korrekturlesen

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