»unter uns die Nacht« von Becky Chambers

- Rezensionsexemplar - Als Becky Chambers' ambitioniertes Werk »der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« mit Hilfe von Crowdfunding herauskam war der Roman ein Beispiel dafür, wie viele gute Sci-Fi Romane Verlagen durch die Lappen gehen. Auch der zweite Roman »zwischen zwei Sternen«, in dem es  zwar auf anderen Schauplätzen und mit anderem Personal aber doch im selben Universum weiterging war ein großartiges Beispiel für positive Sci-Fi, die eine wundervolle, behagliche Stimmung erzeugte ohne dabei kitschig zu sein.

Nun ist Becky Chambers dritter Roman »unter uns die Nacht« erschienen. Auch er spielt wieder im Wayfarer Universum, doch bei diesem Werk ist fast alles anders als bei den vorangegangenen Romanen der 1985 geborenen technischen Redakteurin, die in Kalifornien geboren wurde und dort heute - nach einigen Ausflügen ins alte Europa - auch wieder lebt.

Es ist für mich ziemlich schwierig zu beschreiben, um was es in »unter uns die Nacht« eigentlich geht. Vordergründig ist es ein Reiseroman durch die Sterne. Es geht dabei um Personen, die auf einer Flotte Generationenschiffe unterwegs sind und eine zerstörte Erde vor vielen vielen Jahrzehnten verlassen haben.

Eine klassische Sci-Fi Idee, die aber immer noch das Potential hat, neue Geschichten zu erzählen - oder zumindest bekannte Storys mit eigenen Charakteren und Ideen neu zu interpretieren. So gibt es auf dem Schiff "Asteria" den 16-jährigen Kip, der ein Schiffsgeborener ist und noch nicht so recht weiß, wie es mit ihm weitergehen soll oder die Archivarin Isabell, die versucht das dem Vergessen mehr und mehr anheim fallende Wissen um die menschlichen Ursprünge zu bewahren. Eigentlich schöne Ideen, die mit etwas Sci-Fi wie etwa der Kontakt zu anderen Spezies angereichert durchaus funktionieren könnten und sollten. Aber Becky Chambers hat dies leider verspielt.

Es ist zwar schade, aber das Buch wirkt wie ein müder Abklatsch bekannter Becky-Chambers Ideen. Die so liebevoll gestalteten Charaktere wie etwa Sissix aus »der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« oder Pepper aus »zwischen zwei Sternen« sind solchen gewichen, die eher blass und farblos sind und zu denen zumindest ich keine Verbindung aufbauen konnte. Spannungskurven fallen in Chambers' neustem Roman sehr flach und kaum merklich aus. Über viele Seiten hinweg kämpft sich der Leser durch den Alltag von Kip, Tessa und Isabell, der so gar nichts interessantes hat und der sich auch kaum weiter entwickelt. Zwar kommen bekannte "Chamberismen" vor wie "Oh, Sterne!" (der Ausruf, der in etwa "Oh, mein Gott!" bedeutet), es wird wieder jede Menge Mek (Analogie zu Kaffee) getrunken, aber es fehlen die mitreißenden, packenden Geschichten wie solche, die in den beiden Vorgängerromanen beschrieben werden. Das Universum wirkt irgendwie abgegriffen und wird nicht neu belebt. Becky Chambers Schreibstil ist nach wie vor flüssig und gut lesbar, aber es fehlt dem Buch schlichtweg an Handlungen. Ideen wie etwa die, dass alles - sogar die Toten - recycelt werden und dass dies auf würdevolle Weise geschieht, sind absolut gut (und natürlich gesellschaftskritisch spannend) - reichen aber einfach nicht aus, den Roman zu solchen Highlight moderner Sci-Fi zu machen, wie es die ersten beiden Werke der Autorin waren.

Dass man ständig Vergleiche zieht zu anderen Werken eines Autors oder einer Autorin ist für die Schreiber sicherlich nervtötend, mag auch unfair erscheinen und hat ein bisschen was von Wehmütigkeit. Da Becky Chambers aber ihrem Setting und ihrer Welt treu bleibt, sei es in diesem Fall erlaubt.

Woran es liegt, dass Becky Chambers den Ideenreichtum und die Spannung ebenso wie die positive Grundstimmung dieses mal vermissen lässt - es wäre Spekulation darüber zu schreiben. Vielleicht war es der Druck einen neuen Roman herausbringen zu müssen, vielleicht war es der Versuch sich nicht selbst wiederholen zu müssen, vielleicht auch was ganz anderes. Fakt ist leider, dass die Geschichte zu wenig Spannung bieten kann und es für mich irgendwann qualvoll wurde weiterzulesen. Bei einem 300 Seiten Roman wäre das vielleicht eher zu verkraften gewesen, da ich zwar nach 100 Seiten etwas unruhig wurde, aber "erst" nach 170 Seiten wirklich begonnen habe mich zu langweilen. Über 460 Seiten waren dann einfach eine echte Qual und ich habe immer wieder mal quer gelesen. Etwas, dass ich sonst nicht mache und wäre das Buch kein Rezensionsexemplar gewesen, hätte ich es nach diesen 170 Seiten abgebrochen. Nicht, weil mich der Schreibstil genervt hätte oder die Charaktere - sondern weil einfach zu wenig passiert ist und sich die Geschichte zäh wie Melasse gezogen hat.

Nun kann nicht jedes Buch als genau so gut empfunden werden wie das Vorangegangene. Außerdem ist es eigentlich begrüßenswert wenn eine Autorin sich nicht auf dem ausruht, was mal erfolgreich war und dann einfach die gleiche Geschichte leicht abgewandelt immer wieder erzählt. Ich vermute, dass Becky Chambers einen Mittelweg ausprobieren wollte: wie kann ich Leser behalten (indem ich das Wayfarer Universum behalte) und gleichzeitig was Neues schreiben? Mit »Zwischen zwei Sternen ist ihr das gut gelungen. Es gab andere Protagonisten, einen neuen Schauplatz und eine neue Geschichte - aber trotzdem fühlte man sich als Leser irgendwie noch zu Hause. Dieses mal ist es meiner Meinung nach nicht gelungen - aber auf neue Romane von Becky Chambers bin ich trotzdem gespannt. Ob sie nun im gleichen Universum spielen oder ob was ganz Neues versucht wird.



»Unter uns die Nacht«
Becky Chambers

 

Fischer TOR 2019

aus dem Amerikanischen von Karin Will
462 Seiten
9,99€ (Taschenbuch)

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Kommentare: 2
  • #1

    Melanie (Donnerstag, 02 Mai 2019 14:19)

    Eine sehr gute Rezension Deinerseits – der ich mich auch vollumfänglich anschließen kann. Ich hatte mich so sehr auf Roman Nr. 3 gefreut und ihn auch sofort am Tag des Erscheinens gekauft und dann diese Enttäuschung. Das „warme“ Gefühl der ersten beiden Romane konnte wirklich gar nicht aufkommen. Bei Erfolgsromanen und Autor*innen habe ich leider oft das Gefühl, dass allzu schnell etwas Neues auf den Markt gebracht werden muss, solange der Name sich gut verkaufen lässt (wie man an mir sieht, zieht das ja auch), aber mir wäre es lieber, ich warte etwas länger auf einen Roman, der ist aber dafür gut.
    Aber, wie Du auch schon geschrieben hast, bleibe auch ich gespannt, was die Autorin in Zukunft noch veröffentlichen wird.

  • #2

    WOLF-RÜDIGER (Montag, 02 Dezember 2019 18:58)

    ZZ NUR DEUTSH :( ES WIRD MIR EIN PLESURE SEIN DEREINST DEIN ERSTES BUCH ZU LESEN......BANZAI