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Rückzugsort Schreibzimmer

Eigentlich ist es etwas völlig analoges, veraltetes, umständliches und rückschrittliches. Wer schreibt heute noch Briefe? Und dann noch mit Schreibmaschinen - auf diversen Papieren, die so teuer sind, dass man für zwei Blätter plus Umschlag soviel bezahlt wie woanders für 200 Seiten Kopierpapier. Ist das zeitgemäß? Die klare Antwort lautet: nein. Und das soll es auch nicht sein - im Gegenteil. Es soll eine der oft zitierten Oasen der Ruhe sein. Ein Ort, an dem man runterkommt und der für Menschen, die so ganz langsam in ein Alter kommen wo sie so etwas wie nostalgische Gefühle entwickeln ein Stück Vergangenheit bieten. Natürlich ist das alles verklärend, aber das kann es ruhig sein. Im englischen Sprachraum werden sie Writer’s Shells oder Writer’s shacks genannt, also „Schuppen“ oder „Hütte“. Es ist ein privater Ort, geschützt vor der Öffentlichkeit und sich empörenden Hütern der Geschichte, des Anstandes und sowieso von allem. Einen großen Teil der Atmosphäre macht der Ort als solches aus. Ohne PC, ohne Fernseher - frei von Elektro-Smog, der überall sonst sein darf - nur in der Schreib-hütte eben nicht.

Ebenso wichtig ist die Wahl der Schreibutensilien. als einziges Zugeständnis an die moderne Zeit gibt es elektrische Schreibmaschinen, die übrigens gar nicht so lange aus der Mode sind. In einigen Amtsstuben wird heute noch damit getippt - deswegen gibt es für die meisten Modelle auch noch Farb- und Korrekturbänder. Aber die analogen, mechanischen Schreibmaschinen sind natürlich das Herzstück. Eine Adler Junior 1, Triumph Adler norm, Continental und eine Brillant Special T sind es, die hier wochenweise gewechselt werden. Für mich ist es auch die Wahl des Papiers, die wichtig ist. Da gibt es Vergl-Papier von Crown Mill, Bütten von Roessler, letterlopes (oder enveletters), also ein Blatt, das zusammengefaltet gleichzeitig den Umschlag bildet und andere Papiere, die man manchmal lange im Internet suchen muss. Und für die Unterschrift sowie das Datum muss noch ein Stift her, der mit Tinte schreibt. Ein Kaweco Füller und ein Glasgriffel sowie einige Tintenfässer stehen also auch noch auf dem Tisch. Masking Tapes sind allerdings ein modernes Erzeugnis - doch eine puristische Wissenschaft will ich persönlich nicht daraus machen. Sobald es zum Zwang wird, nur Utensilien einer bestimmten Zeit auf dem Tisch liegen dürfen, wird es langsam manisch.

Daher versuche ich einfach das zu nutzen, was für mich eine nostalgische Atmosphäre verbreitet. Die Maskingtapes könnten so oder so also wieder verschwinden. Aber auf dem Tisch liegt auch ein kleines, wenig schönes Plastik-Ding, in dem eine kleine Schere, Klebeband und ein Tacker ist. Tatsächlich fängt mich das schon an zu stören, da es billige Massenware ist, die so gar nichts schönes an sich hat. Also wird das wohl auch verschwinden.Aber auf dem Tisch liegt auch ein kleines, wenig schönes Plastik-Ding, in dem eine kleine Schere, Klebeband und ein Tacker ist. Tatsächlich fängt mich das schon an zu stören, da es billige Massenware ist, die so gar nichts schönes an sich hat. Also wird das wohl auch verschwinden. Zu guter Letzt habe ich noch Adressaufkleber, die ebenfalls mit der Schreibmaschine beschriftet werden.

Es geht also um das Schreiben von Briefen. Und das ohne Zeitdruck - der Weg ist fast schon das Ziel, das Tippen echte Wohlfühlzeit, für die der Writer’s shack gemacht wurde. Natürlich verbringt man auch Zeit damit alles zu arrangieren, umzuorganisieren und einfach nur anzuschauen. Aber Sinn bekommt der Schreib-Tisch, wenn er genutzt wird. Ein reiner musealer Ausstellungstisch, dafür sind Museen zuständig. Alles, was auf dem Tisch steht und liegt, kann und soll (nicht aber muss) benutzt werden. Um sich selbst wohl zu fühlen aber im besten Fall auch dafür, anderen - also den Empfänger den Briefen - Freude zu machen. Ein Teil des Spaßes ist es auch, sich zu überlegen, wie der Empfänger wohl den Brief aufmacht, wie er das Papier findet und natürlich auch, was er zum Inhalt sagt. 


Das ganze mag befremdlich wirken. Vielleicht sogar völlig unverständlich - denn wie oben schon rhetorisch gefragt: wer schreibt heute noch Briefe? Das weiß ich leider auch nicht. Es ist nicht einfach Brieffreunde zu finden, denn man muss doch das Internet konsultieren um das herauszufinden. Und Austauschseiten findet man tatsächlich nur wenige. Aber langsam merke ich, wie immer mehr Menschen plötzlich doch zu Feder (oder Schreibmaschine) und Papier greifen und Briefe schreiben. Noch haben sich die Nostalgiker und Schreiberlinge nicht wirklich organisiert. Aber in Hobby-Foren scheint es immer mehr Nutzer zu geben, die eine echte, altmodische, langwierige Brieffreundschaft vorschlagen. Im Gegensatz zu dem Ton, der in den sozialen Medien herrscht geht es in persönlichen Briefen gestitteter, freundlicher und auch persönlicher zu. Es kann eben niemand mitlesen - weder Google noch Mark Zuckerberg. Man kann sich fast völlig sicher sein, dass der Austausch über Briefe wirklich privat bleibt. Es gibt keine Codes, keine Bots, keine Maschinen, die heimliche irgendwas suchen und irgendwelche Daten über dich sammeln. Kein Brief wird mit Werbung dritter zugestellt, auch wird kein digitales Profil des Empfängers nach dem Erhalt eines Briefes upgedatet, es wird weder Sender noch Empfänger versucht was zu verkaufen, es blitzt keine Werbung auf und man hat einfach das in der Hand, was der andere vor einem in seiner Hand gehalten hat.


Vielleicht ist es nicht ständig präsent, aber Briefe zu schreiben ist einfach nur das, was es ist. Es hinterlässt keine digitalen Spuren, kann zwar abgefangen werden, wird es aber meist nicht. Gerade der entschleunigende Prozess des vorher überlegens (was getippt ist, steht auf dem Blatt!) und das Schreiben mit Bedacht (Fehler sind nicht mit einer Taste gelöscht) macht viel von der beruhigenden Atmosphäre aus. 


Sobald man wenigstens einen Brieffreund gefunden hat (und ihr könnt im Familienkreis anfangen zu üben) macht die ganze Sache natürlich viel mehr Spaß. Aber man kann auch für sich Tagebuch schreiben, seine Memoiren oder einen Roman. Damit ist man nicht alleine - auf einer Website des Smith Journal kann man sehen, wie die Writer’s shacks einiger Autoren wie bspw. Roald Dahl oder New York Times Journalist David Wood aussehen. Es sind echte kleine Holzhütten, die das persönliche Reich der Schreiberlinge verkörpern, ihre Schuppen, Hütten oder Kämmerchen. Wer den aufwand des Baus eines solchen Bauwerks scheut, der kann auch einfach seinen Keller als eigenen Ort sehen. Überhaupt kommt es vor allem auf einen abgetrennten Raum an, in dem die Atmosphäre atmen darf. Martialisch ausgedrückt könnte man es vielleicht als Bunker oder Bollwerk Genen die moderne Welt bezeichnen, aber es geht nicht darum, sich von der Welt dauerhaft abzukehren sondern in speziellen Momenten oder Stunden eine Auszeit von ihr zu nehmen. Egal, ob andere das sonderbar, verschroben oder bescheuert finden.

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