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"Es - Kapitel 2" Filmkritik

Fast zwei Jahre mussten die Kinogänger warten. Im Herbst 2017 kam der erste, mit Spannung erwartet Teil des Zweiteilers „ES“ in die deutschen Kinos. Schon einmal war der erstmals 1986 veröffentlichte Roman von Stephen King verfilmt worden: 1990 kam ein Fernseh-Zweitler heraus, in dem der britische Schauspieler Tim Curry, bekannt vor allem durch den Midnight-Movie „the Rocky Horror Picture Show“die Rolle des Pennywise übernahm und durch seine Art zu spielen dem Clown seinen eigenen Charakter gab und für viele die stärkste Figur im Streifen war.



 

In der Neuverfilmung spielt der Schwede Bill Istvan Günther Skarsgård das Monster, dass alle 27 Jahre die Kleinstadt Derry heimsucht. Im ersten Teil lernt der Zuschauer die Gruppe Kinder kennen, die sich später im „Club der Verlierer“ zusammenschließen. Aus irgendeinem Grund, der im Film nicht thematisiert wird, sind sie die einzigen, die das Zusammentreffen mit dem Clown überleben. In der Gestalt ihrer jeweils größten Ängste tritt er jedem einzelnen erstmals gegenüber. In einem vermeintlich finalen Showdown in der Kanalisation von Derry glauben Bev, Richie, Bill, Mike und Eddie, sie hätten den Clown erledigt. Sie schwören, dass - sollte ES jemals wieder auftauchen - sie das kinderfressende Monster erneut zur Strecke bringen wollen.


Doch 27 Jahre später - die einstigen Verlierer sind bis auf Mike, der in Derry geblieben ist alle erfolgreich in ihren Jobs - ruft der Daheimgebliebene die Mitglieder der Schicksalsgemeinschaft an: ES ist wieder da. Der einstige Kinderclub trifft sich also wieder in der Stadt, in der 27 Jahre vorher alles endete. Und obwohl viele ihre Kindheit und Pennywise völlig vergessen oder verdrängt hatten, fallen ihnen allen die Erlebnisse ihrer Kindheit wieder ein. Das Monster, ES, ist wieder da und frisst wieder die Kinder der Stadt.



 

Die beiden Handlungsstränge des Romans von Stephen King werden auch im zweiten Teil des Films aufgenommen. In Rückblicken erinnern sich die Erwachsenen von heute an ihre Kindheit. Allerdings nicht wie im Buch von den 80ern zurück in die 50er sondern aus unserer Zeit zurück in die 80er, in denen New Kids on the Block gerade hip waren. Doch die zeitlich verschobene Handlung ist nicht die einzige Freiheit, die sich Andy Muschietti genommen hat: immer wieder sind es kleinere oder auch mal größere Szenen, die er völlig verfremdet. So z.B. die mit dem menschlichen Antagonisten des „Club der Verlierer“, dem damaligen Schläger Henry Bowers, der sein Dasein in einer Irrenanstalt fristet. Nun sind es für jeden Leser oder Zuschauer andere Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Bspw. die, in der Bowers nachts in seiner Zelle liegt und ihm Pennywise erscheint, ihm bei der Flucht hilft und als menschlichen Verbündeten sieht. Eine Szene, die sowohl im Buch wie auch in der TV-Verfilmung ein Dialog bei Nacht war, eine der wenigen ruhigen Szenen in der Pennywise Bowers als Verbündeten gewinnt. In der Neuverfilmung wird das alles sehr kurz und übersteigert albgefrühstückt. Bspw. taucht Audra, Bills Ehefrau gar nicht auf. Dabei ist sie im Buch ein für manche Leser wichtiger Charakter, da sie die einzige ist, die aus dem neuen Leben plötzlich Teil des alten wird. Sicherlich kein unbedingt nötiger Charakter, aber wenn man sich schon drei Stunden Zeit nimmt, hätte man die fünf Minuten auch noch gehabt.

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Dafür werden andere Szenen ausgewalzt und immer weiter versucht zu steigern, Nebenschauplätze werden thematisiert und gruslige Szenen gibt es mindestens ebenso viele wie dialoglastige. Fans von Horror-Filmen werden also auf ihre Kosten kommen, den wenn schon die Schlagzahl im ersten Teil ziemlich hoch war, so wird sie im zweiten Teil nochmals gesteigert. Weitaus brutaler und horrorlastiger als in der TV-Verfilmung aus den 90er Jahren.
Das bei mir trotzdem die Stimmung nicht übergesprungen ist, hat zwei Gründe: zum einen haben haben Witze und Klamauk, teils fast satirisch überzeichnete Charaktere auch in Pennywise-Szenen für mich immer wieder alles zerstört (ich habe selten soviel lachendes Publikum in einem Horrorfilm erlebt) und die Atmosphäre zerstört. Zum anderen war mir der Film zu lange und zu langatmig, zu ausgewalzt manche Szenen.


 

Während der erste Teil von ES durch die eindrucksvollen Kinder-Charaktere überzeugen konnte, ein toller, sehr ausdrucksstarker Kinder-Cast gefunden wurde, schlingern die Erwachsenen zwischen farblosen Darstellungen und komödiantischen Einlagen hin und her. Insbesondere James Ransone und noch mehr Bill Hader als Richie als hypochondrischer Eddie und abgehalfterter Comedian Richie beginnen mehr und mehr zu nerven. Tatsächlich können die Erwachsenendarsteller ihren kindlichen Pendants, verkörpert von Finn Wolfhard - der schon in „Stranger Things“ zeigte, wie stark schauspielerische Leistungen von Kinder sein können - Sophia Lillis (die einen faszinierenden Spagat zwischen Lolita und tragischer Figur schafft) aber auch Jeremy Taylor, der den dicken, intelligenten Jungen sehr gut spielt und Jaeden Martell als stotternder großer Bruder nicht das Wasser reichen. Sehr gelungen aber war, die stark Kinder und Erwachsene sich ähnelten, obwohl die Darsteller nicht miteinander verwand waren. Man konnte in der Einführungsszenen meist auf den ersten Blick sehen, ob das nun Mike, Ben, Bill oder Eddie waren (na ja, Bev als einzige Frau war natürlich keine große Kunst, bei Mike war es als einziger nicht-weißer Charakter des kompletten Casts ebenfalls nicht schwer).

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Die Atmosphäre eines Filmes lebt durch die schauspielerische Leistung, durch die Dialoge und durch die Handlung. Teilweise wirkte „Es - Kapitel 2“ für mich so, als hätte man ab der Hälfte einfach eine gruslige Szenen an die andere geklatscht, das ganze dann wieder durch Blödeleien zerstört nur um alles etwas in die Länge zu ziehen. Da gibt es eine Szene, in der der spinneinbeinige Kopf von Stanley durch die Gegend saust, Richie und Eddie angreift und für einen Moment verschwunden ist. Wie so oft in solchen Szenen taucht er dann da auf, wo er nicht vermutet wurde, begleitet von dem trockenen Spruch Richies „ach, da isser ja“. Der Rest der eigentlich grusligen Szene ging im Gelächter des Kinopublikums unter. Nun hatte auch King Richie Dozier als Charakter angelegt, der als Comedian einen Spruch nach dem anderen bringt. Aber in denen bedrohlichen Momenten des Zusammen Treffens mit ES hätte Ernsthaftigkeit der Szene nicht durch einen Spruch zerstört werden müssen. Und da gibt es noch anderen wie die Sequenz, in der Hypochonder-Eddie mal wieder ES in Form seiner Lieblings-Angst gegenübertritt und danach wie ein Clown durch die Szenerie stolpert so dass das Publikum - mal wieder - in Gelächter ausbrach. Ben Hanscomb, der dicke Junge, der nun erfolgreicher Architekt geworden ist und in der Neuverfilmung eher wie ein Supermodel aussieht, spielt kaum noch eine Rolle und ist höchstens schmückendes Beiwerk.

Wer etwa „It follows“ gesehen hat, weiß, dass ein an die Nerven gehender Gruselfilm eben nicht aus blutigen Szenen und Special Effects bestehen muss, sondern durch geschickte Steigerung der Soannung, die im Kopf entsteht. Das wurde bei „Es“ völlig außer Acht gelassen. Auch wenn Pennywise faszinierend konzipiert war, Skarsgård großartig spielte und die wenigen SFX gut eingesetzt waren. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Leonhard Mahlich so überzeugend die deutsche Stimme des Clowns ist, dass es eine wahre Freude war. Das irre Glucksen, die überschlagende Stimme, der Wechsel zwischen krankem Witz und wütendem Knirschen ist - auch wenn es wohl den meisten Zuschauern nicht auffallen wird - beeindruckend.



 

Ohnehin war es erschreckend, wie wenige „Ahs“ und „Ohs“ im Kino zu hören waren, wie wenige kurze Lacher als der Meister selbst auftrat: der Cameo Auftritt Stephen Kings als schrulliger Pfandleiher (der wohl wenig Zeit in der Maske verbringen musste - King sieht so knochig, abgemagert und klapprig aus, dass er seine Figur praktisch von selbst spielte) war für alle Fans ein gelungener Moment - aber einer der wenigen King-Momente, denn im zweiten Teil ist für Menschen meines Alters wenig von der Atmosphäre des Buches zu finden. Doch King scheint - wie in dem Promo-Video von Warner zu sehen - guten Mutes zu sein:

Jay Ryan, dessen erwachsener Ben Hanscom einer der Charaktere ist, denen man am wenigsten nahe kommt und die kaum mehr als Statisten sind, sagt in diesem Video: "es gibt eine handvoll Momente, die einen Nachts nicht schlafen lassen. Aber der Rest ist eine wunderschöne Reise". Meiner Auffassung nach ist es genau umgekehrt. Es gibt einige Momente, die sehr schön, stimmungsvoll und ruhig inszeniert sind, die mehr von der Geschichte erzählen als es die Schock-Momente tun, die aber im Laufe des Films überhand nehmen. Das wäre vielleicht auch in Ordnung so - wäre eben nicht ein moderner Klassiker verfilmt worden, in dem es um mehr geht als um Schock-Effekte. Aus heutiger Sicht sind sicherlich einige Figuren, deren Charakter und tragische Lebensgeschichte etwas abgegriffen und klischeehaft. Ausgerechnet das hat man aber wunderbar im Film aufgegriffen. Klischees sind einfach strukturiert, folgen klaren Mustern und sind einfach einzuordnen.

 

Es waren die blassen Darsteller, das wenig engagierte Drehbuch und die komödiantischen Grätschen, die für mich diesen Film zu keinem Highlight machten. Vielleicht kein völliger Versender - denn die erste halbe Stunde ist noch sehr gelungen und kommt ohne platten Witz aus. Doch eine denkwürdige King-Verfilmung ist es nicht. Vielleicht ist der Film auch nicht in erster Linie für die alten King-Fans gemacht sondern einfach als Horror-Film geplant - für die Generation der heute 20jährigen, die das Buch vielleicht gar nicht gelesen haben und deren Geschmack durch seichte, bombastische Marvel-Verfilmung geprägt ist ebenso wie durch die Flut schlechter Remakes einstmals erfolgreicher Filme mögen die Schwächen des Filmes nicht so sehr auffallen. Die Ernsthaftigkeit des Horrors von „Es“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder auch „Doctor Sleep“ (die Verfilmung des Romans, der eine Weiterführung von „Shining“ aus dem Jahr 1980) kommt im November) hat Andy Muschietti jedenfalls - wahrscheinlich bewusst - in seinem Film nicht übernommen. Ein Sitznachbar, der deutlich jünger war als ich, sagte beim Aufstehen „das war ja eher eine Komödie“.


     

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Nun ist es so, dass eingefleischte Fans von Stephen King häufig entweder alle Verfilmungen gut oder alle schlecht finden. Ich finde, es gibt durchaus gute UND schlechte Verfilmungen. Frank Darabont, der „the green mile“, „die Verurteilten“ und „der Nebel“ inszenierte, schaffte gleich drei ausgezeichnete King Verfilmungen. Mary Lambert schuf 1989 „Friedhof der Kuscheltiere“ und damit einen der Angst einflößendsten Horrorfilme des ganzen Jahrzehnts. Oder „brennen muss Salem“ (ebenfalls ein ZV-Zweiteiler) mit Rob Lowe, Andrew Braugher und dem kürzlich verstorbenen Rutger Hauer, der atmosphärisch von Michael Salomon umgesetzt wurde. Vielleicht hat sich die Entwicklung einfach in eine Richtung weiterbewegt, die noch weniger Wert auf Stimmung und Atmosphäre legt und Werktreue als unnötig sieht - ich weiß es nicht.

Der TV-Zweiteiler aus den 90er kann mit modernen Sehgewohnheiten heute nicht mehr mithalten. Was er aber - im Kontext seiner Zeit betrachtet - drauf hatte, war das Erzeugen einer stetigen bedrohlichen Atmosphäre auch in Pennywise-freien Szenen. Weder Film- noch Computertechnik waren vor 30 Jahren auf dem Stand heutiger Möglichkeiten; auch damals fielen die Erwachsenencharaktere weit hinter der Strahlkraft des Kinder-Casts zurück. Aber die Stimmung war passend, dunkel, angsteinflößend und in stetigem Wissen, dass die Bedrohung durch den Clown in der Kanalisation Derrys lauert. 2019 setzt Muschietti in den Horror-Szenen auf altbekannte Bausteine, schnelle Schnitte, klassische Inszenierung. Trotzdem ist die Figur Pennywise gelungen. Sie hat tatsächlich retardierende Momente, die schön positioniert sind. Die nach außen schielenden Augen, die sich auch in den anderen Erscheinungsformen wie in Beverly Szene mit der alten Frau (ich setze jetzt einfach mal voraus, dass man weiß, was ich damit meine) zeigen sind eine gute Idee gewesen. Überhaupt gibt es Szenen wie eben jene mit der alten Mrs. Kersh, die wohl nicht umsonst im offiziellen Trailer waren: sie zeigen, wie man in einer Szene Horror aufbaut und sich entladen lässt. Dafür hat Muschietti zwar ganz gut in das Schublade -Regal gegriffen und klassische Stilmittel verwendet (halb-offene Bilder, in deren unscharfem Hintergrund was erscheint oder halb-offene Bilder bei denen der vermeintlich statische Hintergrund sich plötzlich bewegt, geschlossene Augen des Protagonisten, die er öffnet und dann ist da doch nichts - zumindest so lange er den Kopf nicht dreht) aber sie funktionieren eben auch. 
Man hätte mehr Atmosphäre und mehr Hintergrundwissen durch einen Erzähler, also eine Off-Stimme schaffen können.

Für die Spoiler Polizei: ACHTUNG!!!!!


 

Das Finale, die Konfrontation des Clubs der Verlierer mit dem Wesen, dass seine Clownsform letztlich ablegt und seinen Bezwingern in seiner Ur-Gestalt zeigt ist hat Muschietti versemmelt. Denn - soviel sei gesagt - der Moment, in dem kein Clown, keine Mumie, kein Georgie und kein Leprakranker sondern das Wesen in seiner Reinform sich endlich zeigt hätte, sollte, müsste anders aussehen. Doch das ist künstlerische Freiheit; es kann nicht jedem recht gemacht werden.


 

SPOILER ENDE


 

Was diesen Film zu einem Horror-Streifen macht, den man nicht gesehen haben muss, ist die fehlende Ernsthaftigkeit, der Subtext Kings Werks: Die Überwindung der Ängste, das Durchbrechen von Formen, in die uns andere zwingen und Mut, sich dem zu stellen, was uns am meisten Angst macht. Darum geht es leider nur am Rande. Es ist ein gelungener Popcorn-Horror-Streifen, der mit Schock-Effekten versucht eine Atmosphäre aufzubauen, die das Drehbuch mangels Tiefgang nicht schafft.

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