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Online Messen - eine Alternative?

Begleitend zum Film auf dem YouTube Kanal könnt ihr euch hier die kompletten Aussagen von Marburg Con und Buchmesse Saar durchlesen. Beide Veranstalter (der Marburger Verein für Phantastik (MVP) und die Buchmesse Saar haben die gleichen Fragen beantwortet).

Die ersten Antworten kommen von Wolfgang, der zum Planungsstab der Marburg Con gehört:

1) Ist eine Online-Messe ein adäquater Ersatz, den ihr vielleicht auch nach Corona weiter verfolgen würdet oder seid ihr der Meinung, dass eine echte, physische Messe durch nichts zu ersetzen ist? Fehlt der direkte menschliche Kontakt zu Besuchern, Autoren usw.?

 

 

 

Sicherlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass virtuelle Messen im Messemarketing bereits vor COVID 19 als trendy gelten. Plattformunabhängige Übertragungen im Internet, hohe Interaktivität, Orts- und Zeitunabhängigkeit können zwar den Anforderungen einer Messe als Marketinginstrument standhalten, doch stellt sich für mich die Frage, ob wir heute schon in vollem Umfang für eine komplexe Virtualität bereit sind. Gerade in puncto persönlicher Kommunikation zwischen Aussteller und Interessenten leben wir aus unseren Erinnerungen und Erfahrungen, genießen die Messeatmosphäre mit all unseren Sinnen und sind von dem uns umgebenen Flair fasziniert. Als Besucher möchte man ausgestellte Exponate in die Hand nehmen, in Büchern blättern, Fotos mit seine Lieblingsautor*innen machen können, sich vom Besucherstrom treiben lassen. All dies vermag eine Online-Messe nicht. Sie kann deshalb nur eine Alternative in Zeiten wie COVD 19 und Co. sein, jedoch keinen Ersatz bieten.

 


2) Welche organisatorischen Herausforderungen sind bei einer Online-Veranstaltung anders als bei einer physischen? War es aufwendiger und schwieriger die Online-Messe durchzuführen als gedacht?

 

 

 

Die Organisation einer physische Veranstaltung ist weitaus einfacher zu planen und umzusetzen, da sich diese auf mehrere Schultern verteilt. Die Reaktion auf unvorhersehbare Ereignisse ist kurz und auftretende Probleme sind schnell aus der Welt geschafft. Für die Gestaltung der Börse und Programmpunkte sowie der Präsentation der Waren zeichnen die Verlage und die Autor*innen verantwortlich.

 

Dabei liegen multimediale Produktpräsentationen und interaktive Lesungen – das aktive Einbeziehen der Zuhörer – voll im Trend, welche die Lust am Lesen besser anregen als nur das reine Vorlesen des Textes. Interaktivität lässt sich gut online umsetzen, was auch auf der virtuellen Marburg Con 2020 zur Anwendung kam.

 

Vergleicht man den Zeitrahmen der Vorbereitung und Durchführung beider Varianten, so tun sich zwei unterschiedliche Welten auf; je nachdem, wie die Manpower und Mittel verteilt sind. Reichen für die physische Variante einige Tage, so wurden für die virtuelle Marburg Con 2020 mehr als 4 Wochen benötigt. Es lag vor allem daran, dass alle eingereichten Beiträge sowie Video- und Audio-Dateien bearbeitet und in die Webseite eingepflegt, Lifestreams via Facebook und Zoom getestet wurden, um sie allen Usern während der virtuellen Con zugänglich zu machen. Hinzu kommt, dass die Admins die ganze Zeit Gewehr bei Fuß stehen, um auf technische Probleme schnell reagieren zu können.

 


3) Wer sich online herumtreibt, hat im Allgemeinen die Mentalität, dass alles umsonst sein sollte. Wie seht ihr Möglichkeiten der finanziellen Konzeption einer solchen Online-Messe? Sind Besucher bereit zu zahlen?

 

 

 

Da sich zum größten Teil alles rund um die virtuelle Messe auf der im Netz bereits vorhandenen Webseite abspielt, sind es lediglich die Fixkosten für den Provider und Kosten für Video- und Audio-Conferencing, die bezahlt werden müssen. Gut beraten ist derjenige, der auf ausreichend Webspace und Traffic über seinen Provider verfügen kann. So lag während der virtuellen Marburg Con 2020 das Transfervolumen vom 08. Bis 10. Mai bei 3684 GB. Für den User ist dies alles gratis. Ob er etwas – in welcher Form auch immer – für das auf der Webseite Angebotene geben möchte, hängt von seiner Bereitschaft für die Unterstützung des MVP als eingeschriebener Verein ab. Ein gratis E-Book verkauft sich wie geschnitten Brot; kostet es etwas, sinken die Verkaufszahlen im Vergleich zum Gratis-Angebot. Oder anders formuliert: Sag mir, wie du zum MVP stehst, und ich sage dir, wer du bist.

 


4) Wo liegen - ganz generell - für euch die Vor- und die Nachteile in den Messeformen? (Stichwort: lineares Programm, fehlende Messestände, fehlender, direkter Austausch aber auch technische Beschränkungen)

 

 

 

Wie jede Sache im Leben haben auch beide Messeformen ihre Vor- und Nachteile.

 

Online-Variante:

 

Vorteile

 

  • höhere Reichweite

  • geringere Kosten

  • unabhängig von Witterungsverhältnissen

  • flexibel in Zeit, Dauer und Ort

  • hohe Interaktivität in puncto Angebot

 

Nachteile

 

  • kein persönlicher Kontakt

  • Gefährdung von Arbeitsplätzen in Hotellerie, Messebau, Logistik

  • Abhängigkeit von einer stabilen Internet-Anbindung

 

Physische Variante:

 

Vorteile

 

  • direkte Kommunikation zwischen Aussteller und Interessenten

  • Sicherung von Arbeitsplätzen in Hotellerie, Messebau, Logistik

  • Greifbarkeit der Produkte

  • persönlicher Kontakt zu den Autor*innen

  • Erfassen der Messeatmosphäre mit allen Sinnen

 

Nachteile

 

  • hohe Sicherheitsstandards bei Situationen wie COVID 19

 

 

 

Wolfgangs Fazit

 

Wünschenswert wäre für mich, einen gesunden Mix aus beiden Varianten zu finden. Persönlich ziehe ich die physische vor, denn ich möchte den persönlichen Kontakt zu den vielen Freunden und Phantasten, die ich besonders auf Messen und Cons kennen lernen durfte, nicht missen. Ein persönliches Gespräch, ein direktes Gegenüberstehen können durch Videoclips oder Ähnliches nicht ersetzt werden. Es ist gerade das Flair einer Messe/einer Con, welches sicherlich bei jedem von uns einen besonderen Reiz auslöst, seiner Autorin/seinem Autor in die Augen schauen zu können.

 

 

 


Für die Buchmesse Saar beantwortete Benni vom Presseteam die Fragen:

1) Ist eine Online-Messe ein adäquater Ersatz, den ihr vielleicht auch nach Corona weiter verfolgen würdet oder seid ihr der Meinung, dass eine echte, physische Messe durch nichts zu ersetzen ist? Fehlt der direkte menschliche Kontakt zu Besuchern, Autoren usw.?

 

die Onlinemesse ist ein so neues Format im Buchmessesektor, dass wir das abschließend garnicht beantworten können. Wir sind alle im Team Messe- und Eventfans. Das bedeutet, dass wir den Austausch, die Nähe etc. suchen und wollen. Die onlinemesse ist der globalen Situation geschuldet. Aber sie ist eben kein Ersatz, sondern ein eigenes Format, das sich noch sehr viel weiter entwickeln lässt. Und hier ist auch ein wichtig zu sagen, dass es eine nachhaltige Variante der Messe ist. Daher - „wer hat denn von statt geredet“ - wir denken, dass es künftig immer mehr hybridmessen geben wird. Eine Mischung aus physischer Messe und attraktiven onlineinhalten.

 

2) Welche organisatorischen Herausforderungen sind bei einer Online-Veranstaltung anders als bei einer physischen? War es aufwendiger und schwieriger die Online-Messe durchzuführen als gedacht?

 

tatsächlich ist der Aufwand vergleichbar. Unsere Messe musste innerhalb von 6 Wochen konzipiert, finanziert und umgesetzt werden. Das war ein schneller Ritt. Im Messesegment der physischen Veranstaltungen sind wir geübt also war und ist dieses Format Neuland. Der Organisationsstand bei einer onlinemesse ist viel höher - da kann nicht einfach mal noch schnell ein Kabel durch die Halle gelegt werden. Die größte Hürde ist aber Finanzierung und Marketing. Hier müssen sich die Partner_innen und Medien noch öffnen. Virtuell wird noch als minderwertig angesehen - das wird sich aber ändern

 

3) Wer sich online herumtreibt, hat im Allgemeinen die Mentalität, dass alles umsonst sein sollte. Wie seht ihr Möglichkeiten der finanziellen Konzeption einer solchen Online-Messe? Sind Besucher bereit zu zahlen?

 

auch hier muss wieder darauf verwiesen werden, dass der virtuellen Messe ja eine physische voraus ging. Das bedeutet, dass wir die Aussteller_innen und Besucher_innen erst mit Rückerstattungen versehen mussten. Aber uns ist bewusst geworden, dass onlineformate sehr wohl Kunden_innen erreichen und diese dann auch gerne zahlen. Im Verhältnis tatsächlich weniger, aber sowohl Gäste als auch Aussteller_innen wollen oder haben gezahlt.

 

4) Wo liegen - ganz generell - für euch die Vor- und die Nachteile in den Messeformen? (Stichwort: lineares Programm, fehlende Messestände, fehlender, direkter Austausch aber auch technische Beschränkungen)

 

prinzipiell fehlt außer der physischen Präsenz nichts Vorteile bietet das Format auch  Barrierefreiheit, Produktionskosten, etc. Lasst den onlinemessen mal 2-3 Jahre Zeit dann wissen wir alle mehr. Wir dürfen nicht erwarten, dass neue Formate 1 zu 1 das bieten, was wir in Hallen senden oder bei messen die bereits 25 Jahre Erfahrung haben. Vergleichen macht unglücklich/ warum auch onlinemessen sind anders.

 

 

 

 

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