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Die Wiederentdeckung der Brieffreundschaft: postcrossing.com

Im zarten Jugendalter habe ich über Jahre hinweg Brieffreundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt unterhalten. Die ganze Welt, das war für mich noch vor allem Europa - aber ich weiß bis heute wie sehr ich mich über Post von Simona aus Rom, Ida aus Olso oder Stephan aus Wien gefreut habe. Alle diese Brieffreundinnen und -Freude hatte ich vorher "in echt" kennengelernt und man hat versucht Kontakt zu halten. In den 90er Jahren war das tatsächlich neben dem Telefonieren (das ich noch nie mochte) der einzige Weg und die einzige Möglichkeit, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Facebook, WhatsApp usw. gab es noch nicht, Emails waren auch noch nicht so weit verbreitet und wenn man keine Brieftaube verschicken wollte - blieb eben nur der Brief. Jetzt, in den 10er Jahren unseres Jahrtausends entdecken viele derjenigen, die damals so jung waren wie ich nostalgische Erinnerungen wieder. Schreibmaschinen (noch vor wenigen Jahren achtlos auf den Müll geworfen) werden immer teurer und zu einem echten Lifestyle Produkt zwischen Hipster-Tum und dem nostalgisch-wonniglichen Gefühl, etwas echtes, schweres und irgendwie noch aus der guten alte Zeit stammendes nutzen zu können. Die Generation derjenigen, die in den 70er Jahren geboren wurden erinnert sich wohlmöglich an eine entschleunigte, weniger technologisierte Welt zurück. Und wohlmöglich ist das ein Grund für den Erfolg von Portalen wie Postcrossing.com

Das Prinzip des nicht etwa amerikanischen sondern portugiesischen Unternehmes ist so simpel wie funktional: man meldet sich an und verschickt bis zu fünf Postkarten gleichzeitig. Die Adressen, an die man seine Karten schickt werden von einem Zufallsgenerator ausgewählt, sowohl in lateinischen Buchstaben wie auch in denen anderer Sprachen angezeigt und können mit einem Klick ausgedruckt werden. Meine erste Postkarte ging spannender Weise nach China - auf das Adressfeld der Postkarte habe ich den Ausdruck der für mich fremden Schriftzeichen aufgeklebt. Ein paar Zeilen Text (mit der Schreibmaschine getippt!), eine Briefmarke drauf und ab ging's. Dabei muss man dran denken, den ID-Code, der automatisch erzeugt und angezeigt wurde mit auf die Karte zu schreiben. Denn diesen wiederum braucht der Empfänger um den Empfgang bei Postcrossing.com zu bestätigen und die Postkarte damit zu registrieren. Macht er das nicht, gilt die Postkarte als nicht verschickt. Wie oft Postkarten dabei wirklich verloren gehen, dazu gibt es keine Aussagen von den betreibern. Im Gegenzug bekommt der "Verschicker" die gleiche Anzahl Postkarten zurück, die er oder sie verschickt hat; nicht jedoch von den gleichen Adressaten an die man selbst seine Postkarten verschickt hat. Der Austausch soll möglichst umfassend sein und die Adressen werden jedesmal zufällig generiert. Wie in dem kleinen Bild erkennbar geht es um den Kreislauf des Sendens und Empfangens - es geht um Vorfreude, Freude über Post aus der ganzen Welt und bei Menschen wie mir tatsächlich ein bisschen um ein wieder auflebendes nostalgisches Gefühl. Für Andere mögen es tatsächlich Motive, Briefmarken oder die knappen Zeilen Geschriebenens sein - für Einige ist es bestimmt die Mischung aus allem.

Damit das funktioniert hat Postcrossing.com ein paar Regeln aufgestellt. Das wichtigste ist, die ID nicht zu vergessen. Denn wenn diese nicht auf der Postkarte steht, kann sie nicht registriert werden und gilt als nicht verschickt oder angekommen. Was wiederum dazu führt, dass man keine Postkarten mehr verschicken kann sobald man fünf unregistrierte Postkarten auf den Weg gebracht hat. Das bedeutet aber auch für den Empfänger, dass er den ID Code gewissenhaft eintragen muss. Sonst macht alles keinen Sinn und keinen Spaß. Natürlich dürfen die Motive keine pornografischen, rassistischen oder anderweitig gegen die Reglen verstoßende Bilder zeigen.
Es gibt Nutzer wie z.B. James aus Nevada, der gerne Motive von Brücken auf den Postkarten hat, außerdem Züge und Kirchen. Nichts davon hatte ich, also habe ich ihm eine mit den verschiedenen Unterhosentypen für Frauen und Männer geschickt.

Die Website www.postcrossing.com bietet dabei auch die Möglichkeit, die Motive der Postkarten einzuscannen oder abzufotografieren und hochzuladen, so dass bereits ein große Galerie entstanden ist. Biedere Postkarten mit Kätzchen drauf, biedere Wein-Idyll-Motive von der Ahr, Gezeichnete Landschaften aus Polen oder ein Panorama des Grand Canyon - all das ist auf den Postkarten zu sehen. Mal sehen, wie ich mit meinen Unterhosen ankomme...

Über 760.000 Mitglieder hat Postcrossing.com bereits, die meisten (nämlich jeweils über 90.000) kommen aus Russland und Taiwan, jeweils 50.000 aus den USA und China - dann kommt bereits Deutschland mit über 50.000 Mitgliedern gefolgt von den Niederlanden, Polen und Weißrussland. Lustiger weise gibt es Länder, die genau EIN Mitglied haben: die Insel Tuvalu etwa (ein polynesicher Inselstaat), Sao Tome und Principe oder Burkina Faso. Seit bestehen des Portals wurwde genau eine Postkarte aus der West-Sahara geschickt, ebenso wie von den Komoren - dafür ganze 37 aus der Antarktis und rund 100 aus Mosambique.

Ich selbst bin noch neu, seit einer Woche dabei und mit fünf verschickten sowie Null bekommenen Postkarten gerade mal auf der Schwelle zum großen Tor zur Welt - aber ich boin guter Hoffnung, dass das funktioniert und Spaß macht. Das ganze kostet übrigens nichts - außer natürlich dem Porto für eine Postkarte, dass die Post gerade um unverschämte 15 Cent (national) und 5 Cent (international) erhöht hat. Leider gibt es in der monopolistischen Postgesellschaft keine Ausweichmöglichkeit zur deutschen Post, die ihr Porto in den letzten Jahren immer wieder erhöht hat und offenbar keine Angst davor hat, dass der Staat mit seinen Möglichkeiten ernsthaft Einhalt gebieten würde. Aber das wäre ein anderes Thema, eines zum aufregen. Und genau das möchte ich nicht, denn Postcrossing.com ist für mich genau das Gegenteil davon: es soll mir Spaß machen und für einen vergleichsweise lächerlichen Betrag eine schöne Freizeitbeschäftigung werden. So geht es wohl auch den meisten anderen Deutschen Mitgliedern, denn:

mit Abstand die meisten Postkarten (fast 7,8 Mio.) werden aus Deutschland verschickt.

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