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Buchabbruch: "Sandtaucher" von H. Howey

Die Idee klingt vielversprechend: in einer dystopischen Welt (irgendwo in den USA) leben die Menschen in der Wüste. Dort, wo früher Städte mit Straßen, Autos und Bürobauten waren, ist heute Sand. Nicht, weil die Städte zerstört worden wären, sondern weil sie mit mehreren hundert Metern Sand bedeckt sind.

Die Zivilisation, die heute noch existiert ist roh, unzivilisiert und hinterhältig. Jeder kämpft täglich ums Überleben. Immer mit Sand im Mund, in den Schuhen und auch sonst überall. Ein klassisches dystopisches Setting, dass nur dadurch interessant wirkt, weil es eben AUF den Trümmern einer vorherigen Kultur spielt und nicht DAZWISCHEN.

 

Die Story beginnt mit Palmer und dessen Kumpel Hap. Beide sind Sandtaucher - also zumeist junge Menschen, die mit Hilfe eines unter Strom gesetzten Taucheranzugs, einem Visier und Paddeln durch den Sand tauchen können. Dabei geht es auch um Konzentration und innere Gedankenströme. Das kann nicht jeder und Sandtaucher sind umso erfolgreicher je tiefer sie kommen. Dort im Sand finden sie - wenn sie Glück haben - Artefakte. Nichts anderes als die Überreste der vorangegangenen Zivilisation in Form von Autos, Koffern oder ähnlichem.
Der Tauchgang, den Palmer und Hap nun starten ist heikel. Denn er geht besonders tief in den Sand um eine versunkene Stadt zu finden. Tatsächlich scheinen die beiden das auch zu schaffen und erreichen das, was früher wohl mal ein Wolkenkratzer gewesen ist steigen an und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf…


 

Oder eben halt auch nicht. Denn vom durchaus vielversprechenden Anfang muss man erstmal 100 Seiten warten bis die Geschichte weiter geht. Und diese 100 Seiten sind angefüllt mit erwartbaren Charakterbeschreibungen, erwartbaren Beschreibungen des Settings und teils geradezu stümpferhaft geschriebenen Dialogen.

Es geht um Palmers Brüder und seine Schwester, die nichts vom Tauchgang des ältesten Bruders wissen und ihre eigenen Probleme haben. Palmers jüngerer Bruder wird mit der plattesten aller Eröffnungen, die es in der amerikanischen Literaturgeschichte gibt eingeführt: er spricht mit einem Mädchen, das sieht der große Muskel-Typ (=Rivale), es gibt Ärger und die Drohung, sich von dem Mädchen fernzuhalten, sonst… würde es ihm schlecht ergehen. Aber natürlich bleibt Palmer-Bruder tapfer und erste zarte Bande zwischen ihm und dem Mädchen beginnen sich zu knüpfen. Man möchte brechen.


Das klassische Kapitän-der-Football-Mannschaft/Cheerleaderin/Nerd Schema, dessen Howey sich hier nicht zu schade ist. Und natürlich ist das nicht die letzte 08/15 Prügel-Szene in diesem Buch.

 

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Weiter geht es in einer leicht aufgesetzt wirkenden, gekünselten Sprache, die so gar nicht zu den Personen passt. Da wird bspw. noch Vic, Palmers Schwester eingeführt. Sie lebt in einer typischen white-trash-Beziehung mit einem Typen in der man sich ständig Beleidigt und mit dummen Sprüchen um sich wirft. In einer Szene geht es dabei ernsthaft um ein rosa Höschen, dass irgendwie auf dem Kopf von Vics Partner landet was wohl das witzigste ist, was jemals passiert ist.Platt.

Offenbar wollte Howey aber möglichst viele Leser catchen: die jungen Sci-Fi Fans (dafür gibt es den Nerd-Bruder), die jungen Si-Fi Fans in weiblich (Vic), die jugendlichen Action Fans (Prügel und Kämpfe) und jugendliche weibliche Leser, die auf eine vermeintlich schöne Sprache stehen und ein bisschen Herzschmerz brauchen. Dafür ist der verschollene Vater gut, den an den erinnern sich Palmer, seine Brüder und seine Schwester immer wieder auf enervierend wehmütige, repetitive Art.

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Nach etwas 200 Seiten hat es mir gereicht. Es ist kaum Spannung aufgekommen, die Story ist immer noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung. Und obwohl ich die Szene, in der Vic - mit dummen Sprüchen um sich werfend - mit ihrem Freund die Mutter besuchen, die natürlich als Prostituierte in einem Bordell arbeitet.

Ich persönlich empfand die ganzen Plattitüden, die klischeehaften Charaktere und Handlungsstränge als Frechheit. Der zähe Erzählstil und die Handlungsärme lassen darauf schließen, dass „Sandtaucher“ der Beginn eines Zyklus werden soll. 
Davon hat Hugh Howey nämlich schon mal einen geschrieben, der erfolgreich war: „Silo“. Anzumerken ist, dass Howey von dem dystopischen Grundgedanken in „Silo“ kaum abgewichen ist, Man kann sich förmlich vorstellen, wie er auf die Idee gekommen ist: wenn Silo unter der Erde spielt und eine Zivilisation beschreibt, die kaum noch Erinnerungen an die alte Welt hat sowie durch Intrigen und Machtspiele versucht zu überleben, ist Sandtaucher etwas ganz anderes. Hier spielt die Geschichte ÜBER der Erde und beschreibt eine Zivilisation die kaum noch Erinnerungen an die alte Welt hat sowie durch Intrigen und Machtspiele versucht zu überleben.



 

Aus der Grundidee, die durchaus Potential hat wurde hier eine Mischung aus Kitsch und Action mit den üblichen Prisen von Romantik, Sci-Fi und Dystopie gemacht.

Es ist sicherlich nicht verwerflich, wenn Autoren eine Idee, die gut angekommen ist weiterspinnen und sie vielleicht in abgeänderter Form literarisch zweit- oder drittverwerten. Aber wenn das so platt und schematisch verläuft wie hier, dann kommen sich sicherlich einige Leser irgendwann verarscht vor.


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