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Die Machenschaften des Verlags "V"

 

 

Gewöhnlich bekommt der Leser nicht viel von dem mit, was hinter den Kulissen der Autoren- und Verlagswelt passiert. Man freut sich über angekündigte Neuerscheinungen, schöne Bücher und gute Geschichten. Wenn zwischen einem Verlage und seinen Autoren etwas nicht rund läuft, dann passiert das meist unter Ausschluss der Leseröffentlichkeit. Streitigkeiten werden selten gerichtlich ausgefochten und Verzögerungen, kreative Differenzen oder Abgabetermine sind Interna, die nur selten nach außen dringen. Doch im Fall eines kleinen Phantastik-Verlags - im weiteren „Verlag V“ genannt - und seines Verlegers, der hier nur „Verleger S.“ genannt werden wird scheint das anders zu sein. Die Autorinnen und Autoren sowie die anderen Kreativen, die in diesem Artikel zu Wort kommen, habe darum gebeten, anonym zu bleiben. Einige sind durch die Machenschaften des Verlags V so verunsichert, dass sie nicht namentlich genannt werden wollen. Andere haben bereits juristische Schritte eingeleitet. Die verlagseigene Sicht der Dinge kann in diesem Artikel nur unzureichend wiedergegeben werden, denn Verleger S. bittet darum (aus Gründen, die nicht öffentlich genannt werden sollen) diesen Artikel nicht zu schreiben. Doch den Betroffenen ist es wichtig, dass das öffentlich gemacht wird was bisher nur hinter den Kulissen in einem Sumpf aus Vermutungen, Unklarheiten und Erkenntnissen  brodelte und nun langsam an die Oberfläche kommt

 

 

 Vielen Laien ist vielleicht nicht bewusst, wie intim die Beziehung eines Schriftstellers zu seinem Verleger ist.  Es gibt Autoren, die folgen ihrem Verleger sogar wenn dieser einen Verlag verlässt, weil ein oftmals über Jahre aufgebautes Verhältnis entstanden ist, dass dem einer langjährigen Ehe ähnlich sein kann. Zwischen den Beteiligten besteht also ein großes Vertrauensverhältnis. Gemeinsam arbeitet man mitunter Jahre an einem Produkt, dass für beide Seiten oftmals eine Herzensangelegenheit ist. Immer wieder wird die Entstehung eines Buches mit der Geburt eines Babys verglichen. Sorgsam, penibel und mit aller Energie, die beide Seiten aufbringen können wird versucht dem Werk den bestmöglichen Start ins papierene Leben zu bereiten. Ist dieses Verhältnis zwischen Verleger und Schriftsteller geschädigt, kann das schwerwiegende Folgen nicht nur für das Buch sondern auch die daran beteiligten Menschen haben. Welches Ausmaß das haben kann zeigt sich im Fall des Verlag V.

 


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In den letzten Wochen haben einige Autorinnen und Autoren auf ihren Facebook-Profilen zu drastischen Maßnahmen gegriffen: sie fordern die Rechte an ihren Büchern zurück, untersagten  Verlag V ihre Werke weiterhin zu verkaufen und behalten sich rechtliche Schritte vor. Die Deutlichkeit und Entschlossenheit zeigt, wie ernst die Lage offenbar ist.


Geht man der Sache nach, trifft man schnell auf viele geschädigte Kreative. Es offenbart sich ein Real-Krimi, der in der überschaubaren Phantastik-Branche beispiellos scheint.


Im Fall des betroffenen Autoren A  fing alles ganz verheißungsvoll an: der Verlag reagiert sehr schnell auf das eingesandte Manuskript, schicke innerhalb kürzester Zeit einen Vertrag und verpflichtete sich sogar zu einer überraschend schnellen Veröffentlichung innerhalb von drei Monaten. „Eine derart schnelle Publizierungspraxis war ich bislang nicht gewohnt.“ freut sich A.
 Doch dann, so der Autor, passierte nichts mehr. Kein Lektorat, kein Cover und vor allem: keine Kommunikation - und das über Monate hinweg. Als der Autor drei Wochen vor dem geplanten Veröffentlichungsdatum und fast drei Monate nach Vertragsunterzeichnung immer noch keinerlei Reaktion auf seine Nachfragen bekam, begann er sich ernsthaft zu wundern. „Am XX.XX. [dem Tag der vertraglich zugesicherten VÖ; Datum wurde unkenntlich gemacht] fragte ich erneut per Mail nach dem Stand der Dinge nach. Wieder erfolgte keine Reaktion.“

 

Auch telefonisch war der Verleger nicht erreichbar. Fast einen Monat nach dem geplanten Veröffentlichungstermin - der ohne Veröffentlichung verstrichen war - kam eine kurze Mitteilung, dass der Lektor gewechselt werden müsse. Die ganze Sache zog sich wieder über Monate hin; eine Printversion des Buches gab es immer noch nicht, das eBook erschien mit sechs Monaten Verspätung. Mittlerweile war Leipziger Buchmesse, Autor A sprach den Verleger am Stand an und es wurde ihm wurde versichert, drei Tage nach der Messe würde es die Print-Version geben. Doch daraus wurde nichts. Erneute Nachfragen des Autors blieben wieder unbeantwortet bis der Autor schließlich die Reißleine zog: „ich schickte dem Verlag (per Einschreiben mit Rückschein) eine fristlose Kündigung aller Verträge, verbunden mit der Aufforderung, keines meiner Werke mehr zu verwenden, mir die Rechterückgabe schriftlich zu bestätigen und das eBook von allen Plattformen zu entfernen“. Doch der Brief konnte nicht zugestellt werden und nach einer Woche des Wartens erfuhr der Autor, dass das Einschreiben immer noch im zuständigen Postamt zur Abholung bereit liege. A versuchte es mit einem Einwurf-Einschreiben, dass lediglich den Eingang in den Briefkasten bestätigt (nicht aber ein Beweis dafür ist, dass der Empfänger den Brief geöffnet und gelesen hat). „Seitdem herrscht – wie immer – Funkstille. Ich werde wohl nicht umhin kommen, mit einem Anwalt für Vertragsrecht Kontakt aufzunehmen, damit ich meine Rechte wieder zurückbekomme.“ ist das bittere Resümee von A.



Einem anderen - Autor B - ging es ähnlich. Er wurde hellhörig, als die so wichtige Verlagsabrechnung (die die Grundlage für die Berechnung des finanziellen Anteils von Autorinnen und Autoren bildet) einfach nicht bei ihm eintraf. „Die Abrechnung für 2018 hätte spätestens am 31.3. kommen müssen, kam und kam nicht, man wurde erst hingehalten, bekam dann gar keine Antworten mehr, selbst auf Mahnungen wurde nicht reagiert.“
 Zwar erschienen eBook und Print, aber von den Einnahmen sah B über Monate nichts. Auch er konfrontierte den Verleger auf der Leipziger Buchmesse damit und wurde mit warmen Worten abgespeist. Ihn ärgert besonders „das auf der Leipziger Buchmesse noch so getan wurde, als sei alles in Butter. Man lässt ja als Autor mit sich reden, wenn der Verlag mal in finanziellen Schwierigkeiten ist, aber dann einfach Schweigen, das geht gar nicht“. Immer wieder versuchte B den Verleger telefonisch, per Mail oder schriftlich zu erreichen und nie gelang es ihm. Die angegebene Telefonnummer existierte gar nicht mehr. Durch die nicht erfolgte Abrechnung konnte Autor B nicht einmal eine Rechnung an den Verlag stellen.

 

Je mehr Kreative, die für den Verlag arbeiten oder gearbeitet haben man trifft, desto mehr Geschichten hört man. Eine davon ist besonders schwer zu glauben. Auf den ersten Blick hat sie nichts mit Verlag V zu tun. Vielmehr geht es um einen Romance Verlag, der erotische und/oder romantische Werken herausbringt. Eine Sparte, die seit »fifty shades of grey« immer beliebter wird. Autorin C schildert ihre Erfahrungen mit der Verlegerin jenes Romance-Verlags so: „Am Anfang war noch alles gut. Die Frau wirkte nett, wenn auch manchmal etwas verplant und chaotisch. Sie hat das Lektorat gemacht (…),

auf einmal lag die Druckfahne vor und  mein Einzelband wurde aufgrund des Erfolgs des E-Books zu einem Dreiteiler erweitert.“ C  wollte im Laufe der Zusammenarbeit dann auch mal mit der Verlegerin telefonieren, wurde aber immer vertröstet. Bis sie dann auf der Frankfurter Buchmesse von einer Verlagsmitarbeiterin darüber informiert wurde, dass die Romance-Verlegerin schwer erkrankt war: „und obwohl zwei Stunden vorher noch alles gut war und die Verlegerin „nur“ verhindert war, hieß es auf einmal, bei der wäre Brustkrebs diagnostiziert worden und sie dementsprechend im Krankenhaus. Es kam so aus dem Nichts, dass ich zum ersten Mal an ihrer Existenz gezweifelt habe.“ Einige Monate später unterschrieb Autorin C dann für ein anderes Buch bei Verlag V „und siehe da: Die Unterschrift des Verlegers auf dem Vertrag gleicht sich mit der der Verlegerin [des Romance-Verlags]. Zufall? Zu dem Zeitpunkt habe ich schon nicht mehr daran geglaubt.“ Als sie auf eigene Faust weiter forscht und mehr zu der Romance-Verlegerin recherchiert, findet C heraus: „das Profilbild, dass die Verlegerin auf Facebook, Twitter und Co. verwendet, ist ein Stockfoto. Meine Wut wächst, meine Hoffnung, dass ich doch einfach zu paranoid bin, schwindet zusehends.“ Es stellt sich heraus, dass die ominöse, an Brustkrebs erkrankte Romance-Verlegerin nie existiert hat. Hinter allem scheint Verleger S zu stehen. Die ersten Autorinnen sind so alarmiert, dass sie nun wirklich überlegen Verlag V zu verlassen. Nach wie vor reagiert S nicht, stellt keine Abrechnungen und zahlt nicht. Autorin C und ihren Kollegen bleibt kaum etwas anderes übrig als alle Energie aufzuwenden um wenigstens die Rechte an den eigenen Büchern wiederzubekommen. Mitte Juli reicht es C: „nächste Woche geht die letzte Mahnung vor der fristlosen Kündigung raus. Und danach … werde ich wohl abwarten, bis das sinkende Schiff mit all den Lügen endlich untergeht, und mich derweil auf neue Buchprojekte konzentrieren.“

 

Einen ähnlichen Leidensweg hatte auch Autorin D hinter sich. Sie berichtet von der langjährigen Zusammenarbeit mit Verlag V und Verleger S. Eine gewisse Anzahl von Novellen für eine Reihe wurde ausgemacht, diese wurden auch geliefert. Verleger S. brachte sie zunächst als eBook heraus und die Autorin war glücklich. Denn wer das Gefühl kennt, nach jahrelanger Suche endlich einen Verlag gefunden zu haben, der das eigene Buch herausbringen möchte, der weiß auch, wie sehr man an diesem Wunsch festhält und wie  lange es dauern kann, bis man skeptisch wird. Ähnlich ist es auch D gegangen. Bis hierhin war die Autorin nämlich noch guter Dinge - doch das änderte sich kurz darauf. „Als die erste Autorin absprang, fingen die Zweifel an. Als die zweite ging, wurde es lauter. Als ich dann hörte, das andere Autoren 2017 weder Abrechnung noch Zahlungen bekamen wurde ich erst richtig skeptisch und frage mich, was da los war“ berichtet D. Auch hier wurden ihre Nachfragen von Verleger S. einfach ignoriert. Sie vermutet, dass es S. durch seine einnehmende Persönlichkeit schaffte, so lange damit durchzukommen. Für sie war S. mehr als nur ein Verleger von vielen: „Es kristallisierte sich heraus, dass S. mit vielen diese Art freundschaftliches Geschäftsband aufgebaut hatte und viele sich deswegen scheuten, schlecht über ihn zu denken oder zu reden und deswegen auch seine Ausreden, warum wie was nicht verlegt wurde oder sich nicht an Absprachen und Termine gehalten wurde, einfach hingenommen wurde.“  


 


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Das berichtet auch eine andere Autorin. E beschreibt den Verleger als „sehr charmanten Menschen mit "einnehmendem

Wesen“, ein echter Macher. „Es gibt Menschen, die verkaufen Glatzköpfen Shampoo, so einer ist er. Auf den fällt man rein, weil er so charmant ist“. Das Erwachen kommt oftmals schleichend - irgendwann wird einem bewusst, wie lange nicht gezahlt wurde, wie viele Absprachen nicht eingehalten wurden. „viele haben jahrelang kein Geld gesehen“ sagt E. Dabei hat sie noch Glück gehabt. Sie bekam Abrechnungen, wurde bezahlt und war lange zufrieden. Erst in diesem Jahr (2019) begannen bei ihr die schwerwiegenderen Probleme. Doch auch zuvor lief es schon alles andere rund. Für eine Lesungen 2018 stellte S. einfach keine Bücher zur Verfügung, so dass die Autorin diese selbst zusammenkratzen musste. Auch erlebte sie vorher schon, dass der Verleger eBooks zu ganz anderen Preisen verkaufte als ausgemacht war. Ebenso wie viele  ihrer Kolleginnen und Kollegen schwieg sie aber eine ganze Weile lang. Das System des Verlags V konnte wohl auch nur aus diesem Grund so lange funktionieren ohne einzustürzen: in gutem Glauben, dass sich schon alles wieder geben würde, nun mal nicht immer alles glatt laufen kann aber auch aus dem Gefühl, sich selbst vielleicht unbewusst falsch verhalten zu haben, haben die Betroffenen das Spiel lange mitgespielt. „Ich wollte nicht die Autorin sein, die Ärger macht. Nicht diejenige, die dann als ‚schwierig‘ gilt“. sagt E.



 

Zurück zu Autorin D. der als erstes die Ähnlichkeit der Unterschriften von S. und der Verlegerin des Romance Verlags auffiel. Auch sie berichtet von eBooks, die plötzlich zu anderen Preisen verkauft wurden als abgemacht, von versprochenen Print Versionen, die einfach nicht erschienen (weder zur LBM noch danach), von nicht eintreffenden Abrechnungen und nicht geleisteten Zahlungen. Spätestens aber nachdem raus kam, dass die angeblich todkranke Romance-Verlegerin nicht existierte reichte es der Autorin dann endgültig. „Da waren für mich sämtliche Verhandlung vorbei. Das war der Boden des Abgrunds, so tief hab ich nie erwartet, dass er sinkt. Ich war schockiert und hab mich gefragt, ob ich S. überhaupt jemals gekannt hab.“ Für den normalsterblichen Leser (selbst den Krimi-Leser) ist das alles kaum vorstellbar. Nachdem aber zwei Autorinnen versichert haben, dass das alles - die erfundenen Verlegerin, die fehlenden Abrechnung, nicht geleisteten Zahlungen - wahr sei, bleibt Fassungslosigkeit. Da sich immer mehr kreativ arbeitende melden, die fast haargenau die gleichen Erfahrungen gemacht haben, liegt es wohl auch nicht an möglicherweise enttäuschten Autoren. Gemeinsam mit anderen Betroffenen fragt sich auch D wie ein Mensch so sein kann und wie man sich so in jemandem täuschen konnte.

Ihre Kollegin E - die Autorin, die von sich selbst sagt, sie hätte noch Glück gehabt - kann darüber auch nur rätseln. „Es gibt so einen Typ Mensch, der an der Wahrheit vorbei schielt“, sagt sie. Kriminelle Energie, vermutet sie, hätte S. zumindest am Anfang nicht gehabt. Damals setzt er sich für seine Bücher ein und arbeitet selbst mit Energie und Herzblut an ihnen. Dann jedoch scheint ihm alles mehr und mehr zu entgleiten und wie bei einem Schneeballsystem kamen immer mehr Probleme dazu.

 


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Es gibt aber auch andere Autoren-Stimmen, die sich über den Verlag weniger verärgert äußern.„Der Print war in Ordnung“ sagt ein weiterer anonym bleibender Autor. Auch wenn die Abrechnungen unzuverlässig gekommen wären und die Kommunikation „eher schleppend“ gelaufen sei, sogar das Honorar seit 2017 nur unvollständig gezahlt worden sei, habe er bei seinen Bemühungen mit dem Verlag „da nicht sonderlich viel Druck hinter gelegt“, berichtet ein Autor. In Ordnung wäre das Verhalten aber dadurch nicht. Ähnlich wie E gehört er zu denen, die aus irgendeinem Grund Glück hatten. All diejenigen, denen es in den letzten Jahren und bis heute anders erging, sind nicht mehr bereit auf eine Antwort von S. zu warten die wohl nie kommen wird. Einige haben bereits den strafrechtlichen Weg eingeschlagen und S. bei der Polizei angezeigt. Andere bereiten mit ihren Anwälten zivilrechtliche Schritte vor.

 Eine lange Konversation zwischen einer weiteren Autorin F und Verleger S. zeigt, wie fast exemplarisch von der ersten Mail - geschrieben in freundlichem Ton - bis zu einer förmlichen Kündigung die Entwicklung der Beziehung vieler Kreativer zu Verleger S. verlaufen ist. Dabei hatte sie am Anfang das Gefühl gehabt, mit Verleger S. einen vertrauenswürdigen Partner zu haben. „ruhig, still, in sich gekehrt, aber er weiß was er macht“ - das war anfangs ihr Eindruck. Doch auch bei ihr kommt der Moment, an dem sie kein Einsehen mehr hat.  Auch hier wieder das mittlerweile schon gewohnte Bild: Absprachen werden nicht eingehalten, Bücher kommen nicht heraus und die Kommunikation verläuft einseitig. Im Juni 2019 schreibt die Autorin schließlich eine Mail, in der sie deutlich wird: „Es geht nicht, dass ich immer wieder an anstehende Arbeiten erinnern muss (die nächste Erscheinung, das Lektorat, die Druckfahne, das Cover, anstehende Lesungen/Convention und damit notwendige Print etc.), damit sich bei euch etwas bewegt“. Weiter schreibt sie: „So viel Ignoranz mir gegenüber hat ein Vertrauen auf gute Zusammenarbeit zerstört. Aufgrund der Ignoranz und den erwähnten Vertragsbrüchen von Verlagsseite aus, mahne ich jetzt offiziell einmal die Ausstehende Abrechnung für 2018 an und kündige zeitlich unseren Vertrag (…)“. Diese elektronische Kündigung schickt sie auch als Einschreiben. Eine Reaktion drauf erfolgte - man kann es sich fast denken - nie.


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Es geht um Geld, ja. Aber auch um den Umgang, den alle Betroffenen als respektlos empfinden und um die nicht stattfindende Kommunikation. Nicht zuletzt geht es aber um die Geschichten, in die die Autorinnen und Autoren so viel Zeit und Herzblut gesteckt haben und die nun möglicherweise nie mehr veröffentlicht werden weil die Urheber ihre Rechte einfach nicht zurück bekommen.

 

Eine Autorin stellt sich selbst die Frage: Wie kann sich jemand, dem man so viel Vertrauen geschenkt hat so verhalten? Möglicherweise - äußert eine Verlegerin - kann Verleger S. nicht anders. Vielleicht ist er aus ganz anderen Gründen nicht in der Lage sich so zu verhalten wie es andere tun würden stünden sie vor dem selben Problem wie S. Vielleicht sei es ein pathologisches Problem; das würde die ganzen Querelen der letzten Jahre erklären. Das sind jedoch lediglich Vermutungen, die einige aus dem Verhalten des Verlegers ableiten. Fakt bleibt: sie alle - Autorinnen, Autoren aber auch Illustratoren und andere Dienstleister fühlen sich betrogen. Es sind nämlich längt nicht nur die Schreibenden, die ihr Geld nicht bekommen. Auch eine Designerin musste ihre Erfahrungen mit Verlag V machen. Sie wartet seit einem halben Jahr darauf, dass ihre Dienstleistung bezahlt wird. Auch sie hat versucht S. zur Rede zu stellen, aber „Wie bei so vielen anderen kommen keine Antworten, niemand geht ans Telefon. Ich nehme an dass er das so handhabt wie bei allen, nicht anwesend sein, keine Türen öffnen etc.“

 

 


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Dass es kleinere Verlage, die nur von einer Person geleitet werden schwer haben, steht außer Frage. Gerade wenn der Verlag aus Leidenschaft geführt wird und jede freie Sekunde - oftmals in den Abend- oder sogar Nachtstunden, wenn der Brotjob getan wurde - für den Verlag drauf geht, kratzt das irgendwann an der Substanz. Es ist eben jene Leidenschaft und die Hingabe zur Literatur, die manchen Kleinverleger durchhalten lässt wenn anderen vielleicht das Handtuch schon geschmissen hätten. Wohlwollendere Mitmenschen sagen dann auch, dass Verleger S anfangs vielleicht wirklich die Absicht hatte, alles richtig zu machen, alle pünktlich zu bezahlen. Auch glauben diese Stimmen, dass Verleger S. - zumindest zu Beginn seiner Karriere als Verleger - durchaus vor hatte, alle diese Bücher rauszubringen, dass er voller Elan und Energie an das Projekt Verlag V ranging. Irgendwann sei es ihm entglitten und er habe den Überblick verloren, hätte Deadlines nicht mehr einhalten können und sich finanziell verschätzt. Das wäre der Anfang der Entwicklung gewesen, die aus Sicht der Betroffenen zu dieser beispiellosen Misere geführt habe. Aber auch das sind lediglich Versuche, sich S. Verhalten selbst zu erklären. Vermutungen, die in der Hoffnung geäußert wurden, einen Sinn hinter dem Verhalten des Verlegers S. zu erkennen. Es ist nie einfach sich einzugestehen einen Fehler gemacht zu haben. Zu versuchen, das Steuer eines untergehenden Schiffs so rumzureißen, dass es doch noch einen sicheren Hafen erreicht, ist ehrbar. Der Moment, an dem man sich eingestehen muss, dass es nicht mehr funktioniert kommt manchmal spät, hin und wieder auch zu spät. Ob es - wie mehrere Autoren vermuten - von Anfang an Kalkül war oder nicht, lässt sich nicht herausfinden. Vielleicht wollte oder konnte sich S. einfach nicht eingestehen, dass ihm alles zusehens entglitt. Aber jede nicht gelesene Mail, jedes nicht angenommene Einschreiben und jedes Verweigern einer Reaktion auf Kündigungen und Rechterückforderungen machte und macht alles nur schlimmer. Wo die Grenze zwischen ehrbarem Ehrgeiz und kranker Realitätsflucht zu ziehen ist kann vielleicht nur ein Fachmann beurteilen.  Um das alles zu klären müsste - nach Einschätzung der Schicksalsgemeinschaft aus

Autorinnen, Autoren, Illustratoren und anderer Dienstleister - wohl vor Gericht gegangen werden. Aber Anwälte kosten Geld, das einige Betroffene vielleicht nicht haben oder nicht ausgeben möchten. Darauf - so vermutet Autor B vom Anfang des Artikels - baut der Verleger. Weil die Kosten für ein Verfahren und die lange Zeit, die man nervlich, finanziell und gesundheitlich durchstehen müsste für einige einfach eine zu große Belastung darstellen, verzichten sie darauf Justitia zu bemühen. Fatal könnte das gleich in mehrerlei Hinsicht sein: zum einen werden die Autorinnen und Autoren so niemals erfahren, ob sie Recht bekommen hätten und sie werden nie Recht bekommen können. Zum anderen könnten fehlende Konsequenzen aus dem Verhalten den Verleger bestärken weiter zu machen und noch weitere Schriftsteller zu schädigen. Und vielleicht sogar andere, kriminelle Geister dazu ermutigen, dieses Geschäftsmodell doch mal auszuprobieren. Zwei Dinge sind Autorin E dabei besonders wichtig: Zum einen sollen die Autorinnen und Autoren die Rechte an ihren Werken wieder zurück bekommen, damit sie bei anderen Verlagen unterkommen können oder im Selbstverlag erscheinen dürfen. Und: unbedarfte Newcomer müssen davor geschützt werden die gleichen Erfahrungen zu machen. „Es geht ums Prinzip. Es sollen keine anderen Autoren mehr auf ihn reinfallen.“
 Den anderen Kreativen ist vermutlich für Ihre Kollegen das gleiche wichtig.



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Branchenverbänden ist der Fall des Verlags V bekannt. „Uns sind mehrere Vorfälle durch unterschiedliche Autoren zugetragen worden. Als Phantastisches Autoren Netzwerk (PAN) e.V. raten wir den betroffenen Autoren, sich einen entsprechenden rechtlichen Beistand zu sichern.“ PAN selbst bietet „leider keine Möglichkeit Autorinnen und Autoren rechtlich zu beraten“, verweist aber auf den VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), der zur Gewerkschaft ver.di gehört.

Den Gang zum Anwalt haben einige Autorinnen und Autoren schon beschritten, andere stehen kurz davor oder denken ernsthaft drüber nach - selbst wenn ein Anwalt Geld kostet. Und tatsächlich sagt auch Urheberrechtsanwalt Jean Paul Bohne: „Beauftragt man einen Rechtsanwalt, sollten die Kosten eines der ersten Themen sein. Jeder Rechtsanwalt ist verpflichtet, über die Grundsätze der Kosten aufzuklären. Grundsätzlich richten sich die Kosten eines Rechtsanwalts nach dem sog. Gegenstandswert (vorgerichtlich) bzw. Streitwert (gerichtlich) und nach Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG). (…) Um einen ersten groben Blick zu erhalten, bietet es sich an, nach einem sog. RVG-Rechner im Internet zu suchen. Dort muss man nicht viel mehr eingeben als den Wert, um den es geht. Dann erhält man ein konkretes Zahlenwerk, was etwa

ein eigener Anwalt, der gegnerische Anwalt und das Gericht kosten. Denn verliert man, sind diese Kosten allesamt zu tragen.“ Aber auch wenn man gewinnt bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man die einem zustehenden Gelder auch bekommt. Wenn die Gegenseite zahlungsunfähig oder insolvent ist, ist im Zweifelsfall nichts mehr zu holen.

 

Im Fall des Verlags V weiß momentan niemand, wohin die Reise weiter geht. Gerüchte kursieren wonach der Verlag insolvent wäre. Auf Nachfrage antwortet die zuständige Staatsanwaltschaft kryptisch, im Bezug zu Verlag V „bzw. derjenigen Person, die laut der Website der Inhaber ist, gibt es keine Verfahren, zu denen eine Auskunft erteilt werden kann.“ Das kann heißen, dass es keine Verfahren gibt, kann aber auch bedeuten, dass zu einem Verfahren schlichtweg keine Aussagen gemacht werden können. Wiederum bleibt nur eines: abwarten. 

 

 

Vorbei ist das Drama um Verlag und Verleger damit aber noch längst nicht. Vielmehr sieht es so aus, als würde es gerade erst losgehen.



Update 25.07.2019: Titelgrafik und Zitate wurden neu gelayoutet, Grammatikfehler im Titel wurde behoben.







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Kommentare: 15
  • #1

    PTE (Montag, 22 Juli 2019 19:11)

    Das ist traurig zu lesen, das es so etwas in Deutschland passieren. Sa ich selbst leider nicht begabt bin um Romane zu schreiben, würde ich allen Neulinge raten eher zu den bekannten Verlage zu gehen. Oder mit anderen eine eigene Gründen. Wenn am Anfang nur als ebook. Ich drücke für alle anderen die Daumen, das sie ihre Rechte bekommen.

  • #2

    Beckinsale (Montag, 22 Juli 2019 19:47)

    Tja, PTE, das ist genau das, was der Artikel vermutlich nicht erreichen möchte - dass Kleinverleger jetzt verhungern, weil niemand mehr bei Ihnen veröffentlichen möchte. Übrigens: Auch der "Verlag V" war bzw. ist vermutlich "bekannt".

    My.

  • #3

    Marie Müller (Montag, 22 Juli 2019 20:47)

    Erschreckend. Aber: Was soll man mit so einem Artikel anfangen, wenn man nicht weiß, um wen es geht?

  • #4

    Arthur Gordon (Montag, 22 Juli 2019 21:07)

    Marie Müller: Wenn man sich mal in der Szene ein wenig umhört, findet man recht schnell heraus, um wen es sich handelt.

  • #5

    Peter (Montag, 22 Juli 2019 23:46)

    Gebe Marie Müller recht. Wieviele Autoren suchen gerade einen Verlag und riskieren, auf diesen hereinzufallen, weil sie nicht wissen, was da läuft. Nennt den Namen. Die Szene schweigt sich aus obwohl jeder tut, als kenne er die Details.

  • #6

    Daniela Braun (Dienstag, 23 Juli 2019 07:08)

    Hier frage ich nochmal , da ich auf Instagram keine Antwort bekommen habe. Wenn "keine anderen Autoren auf den Verlag hereinfallen" sollen, wieso wird er dann nicht genannt? Dann bringt der Artikel doch gar nichts.

  • #7

    creepy creatures reviews (Dienstag, 23 Juli 2019 07:34)

    Daniela, der Großteil der Diskussion findet momentan auf der creepy creatures Facebook-Seite statt. Und warum die Namen nicht genannt werden, das wird im Artikel deutlich. Es geht hier um den Quellenschutz - wenn ich den nicht biete, mache ich mich strafbar. Der Artikel bringt dem Leser was, der sich über Hintergründe informieren möchte - welcher Verlag das ist, dass lässt sich mit etwas Recherche selbst herausfinden wie schon Arthur Gordon geschrieben hat.

  • #8

    Kaffeeteria (Dienstag, 23 Juli 2019 09:20)

    "Nicht zuletzt geht es aber um die Geschichten, in die die Autorinnen und Autoren so viel Zeit und Herzblut gesteckt haben und die nun möglicherweise nie mehr veröffentlicht werden weil die Urheber ihre Rechte einfach nicht zurück bekommen."

    Dazu gibt es aber doch eine klare Regelung im Urheberrecht. https://www.gesetze-im-internet.de/verlg/BJNR002170901.html

    "§ 17
    Ein Verleger, der das Recht hat, eine neue Auflage zu veranstalten, ist nicht verpflichtet, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Zur Ausübung des Rechtes kann ihm der Verfasser eine angemessene Frist bestimmen. Nach dem Ablaufe der Frist ist der Verfasser berechtigt, von dem Vertrage zurückzutreten, wenn nicht die Veranstaltung rechtzeitig erfolgt ist. Der Bestimmung einer Frist bedarf es nicht, wenn die Veranstaltung von dem Verleger verweigert wird."

    Man ist also nicht auf die Zustimmung des Verlags angewiesen. Wenn die gesetzte Frist ohne Reaktion verstrichen ist, schickt man den Rechterückruf ab und hat seine Rechte damit wieder.

  • #9

    Arthur Gordon (Dienstag, 23 Juli 2019 10:44)

    Das klingt schon mal sehr gut, Kaffeeteria, und ich werde auch nach dieser Maxime handeln, nur weiß ich eben nicht, ob ein bestätigtes Einwurf-Einschreiben mit der Vertragsauflösung rechtlich bindend ist. Eine Bestätigung vonseiten des Verlages fehlt ja allen Geschädigten. :-(

  • #10

    creepy creatures reviews (Dienstag, 23 Juli 2019 10:46)

    Arthur Gordon: es gibt da ein Posting unter der Diskussion auf Facebook, dass dir da vielleicht weiterhelfen kann. Da steht auch drin, dass diese Einschreiben nicht bindend sind. Ob das alles stimmt, weiß ich nicht, aber es klingt plausibel.

  • #11

    Arthur Gordon (Dienstag, 23 Juli 2019 11:08)

    Danke fü den Hinweis. Ich habe den Post soeben gelesen. Da ich heute ohnehin wegen einer anderen Sache zu einem Notar muss, werde ich ihn gleich deswegen fragen. :-)

  • #12

    Nakkita (Dienstag, 23 Juli 2019 12:03)

    Hallöchen, guter Artikel, der viele Einblicke bietet.

    Wegen der Rechte: Bitte das Dokument von ver.di zu Rechterückruf nach § 41 Urheberrechtsgesetz anschauen.
    Für alle, die ihre Rechte wegen Nichtausübung zurückfordern wollen - da muss leider erstmal 2 Jahre gewartet werden. Danach ist die Sache aber recht einfach. Einschreiben mit Fristsetzung, danach noch ein Einschreiben mit Rückschein zum endgültigen Rechterückruf. Nach Zugang des Einschreibens ist der Rechterückruf wirksam und man kann seine Rechte wieder selbst ausüben, eine Bestätigung vom Verlag/Verleger ist nicht nötig.

    Was ich aber nicht verstehe, ist, wieso der Verlag nicht genannt wird. Klar, deine Quellen musst du nicht nennen. Aber den Verlag hier zu nenne, ist keine üble Nachrede, wenn es sich um Tatsachen handelt. Wäre gut und nur sinnvoll, andere Autoren davor zu schützen.

    Liebe Grüße

  • #13

    Angelika Godau (Donnerstag, 25 Juli 2019 10:26)

    Es liegt nicht nur an diesem einen Verlag, es liegt daran, dass viel zu viele Menschen glauben, Schriftsteller zu sein, Verlage in einem Wust von ungewollt eingesandten Manuskripten ersticken und der Eitelkeit einiger Autoren. Einen seriösen Verlag zu finden, ist äußerst schwierig und selbst wenn, heißt das noch lange nicht, dass der das Buch auch angemessen promotet. Klar, es steht in jedem Vertrag, dass er das tun muss und wird, aber was heißt schon angemessen? Das Buch erscheint und verschwindet wieder, so what? Es hat sich eben leider nicht so verkauft wie erhofft. Bevor unter diesen Umständen einen Autor*in einen Verlag verlässt, seine Hoffnungen begräbt, muss wirklich viel passieren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt�

  • #14

    Michael H. Gerloff (Donnerstag, 25 Juli 2019 22:47)

    Du schreibst, daß die Staatsanwaltschaft keine Auskunft gibt. Da einige Betroffene aber laut Beitrag schon eine Strafanzeige gestellt haben, müßte die StA dazu doch etwas sagen können?

    Und was mich etwas irritiert:

    "denn Verleger S. bittet darum (aus Gründen, die nicht öffentlich genannt werden sollen) diesen Artikel nicht zu schreiben. "

    Da besteht Kontakt?

  • #15

    creepy creatures reviews (Donnerstag, 25 Juli 2019 23:26)

    Lieber Michael,
    die Staatsanwaltschaft könnte bestimmt oder zumindest vielleicht etwas sagen - aber sie tut es nicht. Sie dementiert ja auch nicht wirklich, dass es keine Ermittlungen gibt.

    Ja, es bestand Kontakt, aber trotz mehrmaliger Bitte hat der Verleger sich nicht zu der ganzen Sache äußern wollen. Er hat auch nur auf die erste Anfrage reagiert, alle weiteren blieben unbeantwortet.